Der große Schritt vorwärts

16. Juli 2007, 23:00
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Forscher behaupten, die bestmögliche Erklärung dafür gefunden zu haben, warum wir Menschen im Gegensatz zu den Affen auf zwei Beinen gehen

Washington - Verdankt der Mensch seine Entstehung einer urzeitlichen Ökokatastrophe? Vor etwa sieben Millionen Jahren fand in den tropischen Breiten der Erde vielerorts eine drastische Veränderung der Vegetation statt. Ursache war wohl eine Klimaänderung, gepaart mit einer sinkenden CO2-Konzentration der Atmosphäre. Ostafrika war besonders stark betroffen. Ehemals üppige Waldgebiete wandelten sich in trockene Savannenlandschaften. Tierarten mussten sich anpassen oder starben aus.

So dürfte es auch den gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen ergangen sein. Wer in den verbleibenden Wäldern des Kongo-Beckens und den angrenzenden Bergen beheimatet war, blieb weiter auf ein Leben im dichten Baumbestand ausgerichtet. Aus ihnen gingen Gorillas und Schimpansen hervor.

Im Osten dagegen entwickelten sich die ersten Hominiden. Ihr auffälligstes Merkmal: Sie liefen beständig auf zwei Beinen, um größere Strecken im offenen Gelände besser zurücklegen zu können.

Diese Hypothese existiert zwar schon seit über drei Jahrzehnten. Doch nach wie vor ist die sie aus Mangel an eindeutigen Beweisen umstritten.

Ein Team von drei US-Anthropologen liefert nun weiter wichtige Indizien: Die Forscher haben die Gangarten von Menschen und Schimpansen aus biomechanischer Sicht verglichen und berichten darüber in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "PNAS". Sie ließen fünf Affen sowohl zwei- als auch vierbeinig in einer Tretmühle laufen und filmten die Bewegungen. Während des Versuchs trugen die Tiere Masken, welche die ausgeatmete Luft auffingen.

So konnten die Wissenschafter ihren Sauerstoffverbrauch ermitteln und den Energieumsatz berechnen. Drei der Schimpansen wurden zusätzlich über eine Vorrichtung geschickt, um die zum Gehen erforderlichen Trittkräfte zu messen. Abschließend hat man die Affen-Ergebnisse den Werten und Filmaufnahmen von vier erwachsenen Menschen gegenübergestellt.

Längere Schritte

Der Vergleich belegt die Effizienz der menschlichen Gangart. Wir Zweibeiner verbrauchen etwa 75 Prozent weniger Energie als Schimpansen, egal, ob Letztere aufrecht oder "auf allen Vieren" gehen. Bedingt durch ihre gestreckte Anatomie machen Menschen längere, leichtere Schritte.

Besonders interessant sind jedoch die individuellen Unterschiede zwischen den Affen. Zur Überraschung der Forscher konnte ein Weibchen Knie und Hüfte wesentlich besser strecken als die anderen Versuchstiere.

Im Gegensatz zu ihren Artgenossen verbrauchte sie deshalb auf zwei Beinen weniger Energie als auf vier. Fazit: Auch bei unseren behaarten Verwandten ist das Potenzial zum "Bipedalismus" noch deutlich vorhanden.

Der evolutionäre Wandel zum aufrecht gehenden Savannenbewohner dürfte also relativ leicht vonstatten gegangen sein. Die Energieeffizienz brachte den entscheidenden Selektionsvorteil und die Möglichkeit, im neuen Lebensraum zu bestehen. "Wir haben jetzt die bestmögliche Erklärung für die Entstehung der menschlichen Zweibeinigkeit", betont Herman Pontzer von der Washington University in St. Louis gegenüber dem STANDARD.

Es fehlen nur noch die zugehörigen Fossilien. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 7. 2007)

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    Wir Menschen brauchen beim Gehen um drei Viertel weniger Energie als Schimpansen. Doch auch bei unseren behaarten Verwandten ist das Potenzial zum Zweifüßlertum durchaus vorhanden.

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