Linux für die sozial Benachteiligten

20. September 2007, 11:37
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Mit gebrauchten Computern, Community-Beteiligung und viel eigenem Engagement versucht M6-IT an britischen Schulen die Chancengleichheit zu verbessern

Wer am Schulsystem etwas verbessern will, der läuft schnell gegen die eine oder andere bürokratische Mauer, eine Erfahrung, mit der österreichischen LehrerInnen bei weitem nicht alleine da stehen, wie Richard Rothwell aus leidvoller Erfahrung bekunden kann. Der Brite hat als ehemaliger EDV-Lehrer daraus allerdings seine Konsequenzen gezogen und versucht nun mit einem eigenen Unterfangen das Bildungssystem von außen zu verbessern.

Ausrichtung

An ambitionierten Zielen mangelt es M6-IT dabei bei weitem nicht: Durch die Bereitstellung von Computern für sozial benachteiligte Familien, soll das immer noch existente soziale Gefälle im Bildungsbereich bekämpft werden. Aktuelle Studien würden zeigen, dass Kinder die einen eigenen Computer zur Verfügung haben, wesentlich bessere Chancen haben, alle notwendigen Prüfungen zu bestehen. Es sei eine Schande, dass es in einem der reichsten Länder der Welt noch immer einen derartigen "Digital Divide" gäbe, so Rothwell bei einem Vortrag im Rahmen der derzeit in Birmingham stattfindenden GNOME-EntwicklerInnenkonferenz GUADEC.

Geld

Dabei sei durchaus genügend Geld da, das Problem sei einfach, dass es nicht zu denen komme, die es benötigen würden. Über Jahr konnte er beobachten, wie für Projekte zur gezielten Unterstützung unterprivilegierter Kinder nie Geld da war, während unnötig viel Geld für die IT-Infrastruktur der Schulen ausgegeben wurde. Die Kosten sind dann auch ein entscheidender Punkt, warum er selbst Interesse an freier Software entwickelt habe, so Rothwell. Ein zweiter wichtiger Faktor: Durch Linux lasse sich alter Hardware neues Leben einhauchen.

Kauf

Gestartet hat Rothwell konsequenterweise auf eBay: Um eigenes Geld kaufte er 120 alte Desktop-PCs, bei der Online-Auktionsplattform und stattete diese mit Debian Linux aus und spendete sie einer Schule. Das Ganze entwickelte sich zum Erfolg, die Rechner laufen bis heute. Dies auch gerade wegen eines anderen entscheidenden Vorteils von Open Source: Man könne das Betriebssystem selbst warten, ohne von einem Hersteller abhängig zu sein.

Unternehmen

Mittlerweile hat Rothwell mit M6-IT ein eigenes Unternehmen aufgezogen, die Idee dahinter: Genau jenen Familien, die sich keinen Computer leisten können, soll dieser kostenlos zur Verfügung gestellt werden, um die Chancen der Kinder für eine abgeschlossene Schulausbildung zu verbessern. Der Gefahr, dass diese Rechner nicht benutzt oder gar verkauft werden, war man sich von Anfang an bewusst und hat entsprechend versucht Strategien dagegen zu entwickeln. So werden die Rechner den Familien nicht gänzlich geschenkt, sondern auf drei Jahr geborgt. Auch handelt es sich durchgehend nicht um neue Hardware sondern um gebrauchte Geräte, was den Wiederverkaufswert - und den Anreiz den Rechner zu Geld zu machen - minimal hält.

Sessions

Zusätzlich müssen sich alle Familien, die an dem Programm teilnehmen wollen, einzelnen Trainings-Sessions unterziehen, was die Bindung erhöht. Ein positiver Nebeneffekt: Kinder und Eltern lernen so gemeinsam, etwas, dass leider in vielen Fällen eher eine Ausnahme sei, wie Rothwell aus seiner Schul-Vergangenheit noch im Gedächtnis ist. Die Auswahl der Familien übernehmen die Schulen, ansonsten hält sich die Beteiligung der Schulen selbst aber in Grenzen.

Töpfe

Möglich wird das Ganze einerseits durch Hardwarespenden, andererseits aber auch durch das Anzapfen von diversen offiziellen Geldtöpfen. Dies sei zwar äußerst mühsam und mit viel Überzeugungsarbeit verbunden - der Name des Unternehmens reflektiert dies übrigens, indem er sich an die englische Autobahn mit der Nummerierung M6 anlehnt - habe aber auch mehr als genügend Geld für die anvisierten Projekte zu Tage gefördert.

Umsetzung

Natürlich gebe es trotzdem immer wieder Probleme in der konkreten Umsetzung, vor allem weil man plant den teilnehmenden Familien freien Internetzugang zur Verfügung zu stellen, hier sei man derzeit noch in Gesprächen. Für die weitere Zukunft hat man vor allem ein wichtiges Ziel: Sich selbst obsolet machen. Die Traumvorstellung von Rothwell ist, dass die Community die Verwaltung der Geräte selbst übernimmt, ein Ziel das man spätestens nach drei Jahren erreicht haben will. (Andreas Proschofsky aus Birmingham)

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M6-IT

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