Wahlkampf wurde zur Schlammschlacht dreier Männer

23. Juli 2007, 10:20
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Zur Wahlkampfveranstaltung der AK-Partei landete Premier Erdogan am Sonntag mit dem Hubschrauber vor der Istanbuler Stadtmauer

"Durmak yok, yola devam", "Es gibt kein Stopp, der Weg geht weiter". Während AKP-Chef und Premier Recep Tayyip Erdogan auf der Bühne den Schlachtruf "Durmak yok" anstimmt, antwortet die Menge aus tausenden Kehlen mit "yola devam". Minutenlang dröhnt der Sprechgesang über den Platz, wie bei einem Popkonzert geraten Einzelne geradezu in einen Begeisterungstaumel. Es ist ein Wahlspektakel der besonderen Art, das die AKP eine Woche vor der Wahl in Istanbul veranstaltete. Mehr als 100.000 Menschen hat die Partei vor der alten Stadtmauer in Zeytinburnu versammelt – es soll auch eine Antwort sein auf die laizistischen Großdemonstrationen im Mai, als Außenminister Abdullah Gül vergeblich nach dem Präsidentenamt griff.

Nachdem diverse Istanbuler Parlamentskandidaten quasi zur Aufwärmung ihre eigene Wahlwerbung unters Volk gebracht haben, schwebt er dann endlich per Hubschrauber ein. Als der gelbe Helikopter mit Erdogan und Gül an Bord eine Ehrenrunde über der Menge dreht, kommt frenetischer Beifall auf, der sich noch steigert, als beide mitsamt ihren Ehefrauen dann die letzten Meter im Bus zur Bühne gefahren werden.

Mit Kopftuch

Es sind zumeist sehr einfache Leute, die sich auf dem riesigen Platz am Meer versammelt haben. Anders als bei manchen Auftritten in der Provinz sind Männer und Frauen hier nicht getrennt, aber man sieht nur sehr wenige Mädchen, die kein Kopftuch tragen. Ganz anders dagegen auf der Bühne. Die Kandidatinnen, die Erdogan für Istanbul nominiert hat, sind moderne Frauen, alles Akademikerinnen, teils auch mit internationaler Erfahrung. Die Partei ist nach den Auseinandersetzungen um ihr Verhältnis zum laizistischen Staat um einen Imagewechsel bemüht. Das spiegelt sich vor allem in der Kandidatenliste wieder, wo etliche islamische Hardliner aus der letzten Legislaturperiode nicht mehr auftauchen.

Auf dem Platz werden die Kandidatinnen dagegen eher verhalten aufgenommen. Sie kommen erkennbar aus einer anderen Welt. Die Antwort der Basis auf den Vorwurf, die AKP bekenne sich nicht eindeutig zur Republik, sind stattdessen türkische Fahnen. Im letzten Wahlkampf wurden nur AKP-Fähnchen geschwenkt, heute hat jeder zwei Fahnen in der Hand. Mangelnden Patriotismus will man sich nicht vorwerfen lassen.

Als Erdogan dann endlich die Bühne betritt, wird es still auf dem staubigen Platz. Die meisten hören tatsächlich zu. Jubel brandet immer dann auf, wenn Erdogan sich seinen ärgsten Konkurrenten, den Oppositions- und Parteiführer der CHP, Deniz Baykal, persönlich vornimmt. Der könne doch nicht rechnen und sei mit fast 70 Jahren doch sowieso reif für die Pension. Der Wahlkampf hat sich in eine Schlammschlacht dreier Männer verwandelt: Erdogan, Baykal und der Chef der Rechtsradikalen MHP, Devlet Bahceli, dessen Partei gute Chancen hat, als dritte Kraft ins Parlament zu kommen.

Für Todesstrafe

Als Baykal und Bahceli dem Premier vorwarfen, er tue nichts gegen den Terrorismus, weil er die Armee daran hindere, im Nordirak einzumarschieren, schreckte Erdogan nicht davor zurück, Bahceli auszurichten, er hätte es in seiner Zeit als Vize-Premier versäumt, PKK-Chef Abdullah Öcalan aufzuhängen. Seitdem wirbt Bahceli mit einem Strick in der Hand für die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Als die Sonne untergegangen ist, strömt ein großer Teil der Menge bereits auf Bus und Bahn zu, obwohl Erdogan immer noch auf Baykal schimpft. „Durmak yok, yola devam“ rufen sich viele als lässigen Witz auf dem Bahnsteig zu, als die S-Bahn nach 20 Minuten immer noch nicht kommt. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 17.7.2007)

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    Wahlkampf in der Türkei: Premier Erdogan warf Nationalisten-Chef Devlet Bahceli vor, er habe verabsäumt, Abdullah Öcalan aufzuhängen.

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