Hoffnung, die an der Nabelschnur hängt

16. Juli 2007, 13:37
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Grazer Forscher konnten erstmals aus Nabelschnurblut Stammzellen in klinisch relevanter Quantität und Qualität herstellen

Ob dies zu Therapien führt, bleibt aber abzuwarten.

Das Ziel ist gesteckt: Heilung von Leukämie, Reparatur defekter Knochen und Regeneration des morbiden Immunsystems - und das universelle Therapeutikum dafür soll aus Nabelschnurblut kommen.

Der Weg dorthin ist jedoch eine ethische Gratwanderung: Wie viele medizinische Forschungserfolge weltweit birgt auch die jüngste diesbezügliche Arbeit von Wissenschaftern um Andreas Reinisch und Dirk Strunk von der Medizinischen Universität Graz das Potenzial, voreilige und überzogene Hoffnungen zu schüren. Verstärkt wird dies durch den Umstand, dass es sich bei dem heute im renommierten britischen Fachmagazin Regenerative Medicine publizierten Paper um eine Erfolgsgeschichte aus der Welt der verheißungsvollen Stammzellen handelt.

Daher schränkt Studienleiter Dirk Strunk gleich ein: "Es sind noch mehrere Jahre experimenteller Studien erforderlich, bevor an eine gezielte klinische Anwendung gedacht werden kann. Bisherige Resultate bilden erst die Grundlage für die Planung derartiger Studien." Aus Sicht der Grundlagenforschung sind diese aber heute schon sensationell.

Dem österreichischen Forscherteam ist es nämlich weltweit zum ersten Mal gelungen, aus Nabelschnurblut Stammzellen im klinischen Maßstab, also in ausreichender Menge für mögliche Anwendungen, herzustellen. Immerhin: Seit das Potenzial von Stammzellen erkannt wurde, gelten die kleinen Dinger als Heilsbringer, werden sie als Flickwerkzeuge angepriesen.

Embryonale Stammzellen haben die Möglichkeit, sich in alle möglichen funktionalen Zellen des Körpers zu entwickeln - sie können Nerven-, Haut-, Muskel- und sonstige Zellen werden, entsprechendes, defektes Gewebe also reparieren. Adulte, im erwachsenen Körper vorkommende Stammzellen hingegen sind nicht mehr pluri-, sondern nur noch multipotent, haben einiges an Entwicklungspotenzial verloren, können sich aber immer noch in viele Zelltypen entwickeln - Stammzellen aus Nabelschnurblut gehören dazu.

Hunderte Millionen

"Das technologisch spektakuläre an unserer Arbeit dazu war, dass im Nabelschnurblut nur ganz wenige solcher Zellen vorhanden sind", erklärt Strunk. "Mit unserem Verfahren sind wir aber in der Lage, innerhalb von sechs bis sieben Wochen hunderte Millionen dieser Stammzellen in Medikamenten-Qualität daraus zu züchten." Eine Nabelschnur enthält nur gut 100 Milliliter, also etwa ein Wasserglas voll Blut, und darin befinden sich nur rund zehn multipotente, so genannte mesenchymale Stammzellen.

Isolierung und klinisch relevante Vermehrung sind aber nicht das Einzige, das die Grazer Arbeit Aufsehen erregend macht. Wie andere biologische Einheiten brauchen auch Stammzellen entsprechende Partner, um sich zu vermehren - Wachstumsfaktoren heißen diese Partner. Bisher ist es üblich, hierfür Rinder zur Ader zu lassen. Aus Kälberserum werden heute die Wachstumsfaktoren gewonnen, die gleich zwei Nachteile haben: Zum einen funktionieren diese Eiweiße nicht besonders, und zum anderen bergen sie das Risiko, dass pathologisch relevante Organismen vom Rind in die Zellen, mit diesen in den Menschen gelangen. Die Gruppe um Strunk hat deshalb das Kalb durch den Menschen ersetzt und aus humanen Blutplättchen wirksame Wachstumsfaktoren gewonnen. Das Besondere daran: Damit lassen sich nicht nur endlich Stammzellen aus Nabelschnurblut, sondern auch solche aus Knochenmark und wahrscheinlich aus anderen Quellen derart qualitativ und quantitativ vermehren.

Da sich zeigte, dass die Nabelschnur-Stammzellen sich in Knorpel- und Knochenzellen entwickeln können und ein starkes immun-modulatorisches Potenzial besitzen, könnten sie in Zukunft vielleicht zur Reparatur entsprechender Gewebedefekte und Regeneration des Abwehrsystems eingesetzt werden. Ziemlich sicher erscheint Strunk aber ihr Einsatz gegen Leukämie - denn die Stammzellen unterstützen die Blutbildung.

Dies ist deshalb interessant, weil man nur etwa 80 Prozent aller Leukämiepatienten eine nötige Stammzelltransplantation über passendes Knochenmark anbieten kann. Für den Rest finden sich keine Spender. Für diese könnten Nabelschnur-Stammzellen - von denen man annimmt, dass sie kaum Abstoßungsreaktionen hervorrufen, was, egal für welche Anwendung, das Problem mit passenden Spendern lösen würde - die Rettung sein. Aber auch hier spart Strunk nicht mit Zurückhaltung: "Das ist alles noch Zukunftsmusik."

Nicht mit Gefrorenem

Auch allen, die nun das Nabelschnurblut ihrer Kinder bis zum Zeitpunkt, an dem die Medizin vielleicht so weit sein wird, einfrieren lassen wollen, rät Strunk zur Vorsicht: "Wir hatten nur mit frischem Nabelschnurblut Erfolg. Keine der vielen Gruppen, die sich mit gefrorenem befassten, konnte aus konserviertem Blut multipotente mesenchymale Stammzellen vermehren."

Hoffnungen, die mit dem Einfrieren von Nabelschnurblut - etwa 2000 Euro allein für die ersten fünf Jahre - geschürt würden, seien zwar gut fürs Geschäft entsprechender Blut- und Zellbanken. Ob diese Versprechen eingelöst werden können, sei aber fraglich: "90 Prozent aller Erwartungen aus Tierversuchen erfüllen sich nicht."

Zweifellos ein großer Moment - auch für die Forschung, denn im Nabelschnurblut sind Stammzellen, die nur unmittelbar nach der Geburt gewonnen werden können. Grazer Forscher haben nun Methoden gefunden, diese zu vermehren. (MEDSTANDARD 16.07.2007, Andreas Feiertag)

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