Entdeckungsreise von Herzl bis Hakoah

11. Jänner 2008, 18:31
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Wien ist jüdisch, Wien war immer jüdisch und Wien wird auch immer an jüdische Geschichte gebunden sein

Wer an einem Samstag am Karmelitermarkt in der Wiener Leopoldstadt seine Einkäufe erledigt, bemerkt, dass Wien, wie wir es heute kennen, eindeutig durch die jüdische Geschichte und Tradition bestimmt ist. Ob orthodoxe Juden mit schwarzen Hüten und Schläfenlocken diskutierend an einer Ecke stehen oder ob Namen wie das Café "Tachles" am nicht weit entfernten Karmeliterplatz an die jüdische Kultur erinnern...

Birgit Schwaner gibt in ihrem Buch Jüdisches Wien einen Überblick über das Leben in einer Stadt, deren Bewohner sich häufig nicht bewusst sind, dass das "Masl" und die "Haberer", von denen so oft die Rede ist, vom Hebräischen "masol" (Glücksstern) und "havarim" (Freund) abgeleitet werden.

Geschichte und erste "Wiener Gesera"

Die Autorin streift auf ihrer "Entdeckungsreise von Herzl bis Hakoah" viele Stationen der Geschichte von Menschen, die immer wieder nach Wien eingeladen wurden, um den Fürsten der Stadt zu dienen oder den Wirtschaftsverkehr anzukurbeln und um später unter fadenscheinigen Vorwänden wieder vertrieben zu werden.

Bereits Mitte des 13. Jahrhunderts etwa wollten die Babenberger den Handel beleben und erleichterten den Zuzug von Juden, die aus dem Rheinland und Böhmen vertrieben worden waren. Dort wo heute das Jüdische Museum steht, florierte eine eigens abgetrennte "Judenstadt", in der es ein Spital, eine koschere Fleischbank, rituelle Bäder und ein Versammlungshaus gab.

Die erste Vertreibung der Juden aus Wien fand in den Jahren 1420 und 1421 statt. Anlass für dieses Pogrom, das auch "Gesera" (hebräisch: Verhängnis, Verfolgung) genannt wird und nicht das letzte sein sollte, war die kollektive Anklage gegen Juden, Feinde der katholischen Kirche zu sein. Viele der jüdischen Wiener wurden auf ruderlosen Booten auf der Donau ausgesetzt oder zwangsgetauft. Tausende begingen in der Synagoge Selbstmord, um letzterem zu entgehen.

Lebhafte Judenstadt

Dass sich das jüdische Wien heute hauptsächlich im zweiten Bezirk abspielt, illustrieren zahlreiche Beiträge wie etwa jener zum Sportclub Hakoah, der 2008 in Form eines Sportzentrums eine neue Heimstätte erhalten soll. Der 1909 gegründete Verein mit dem verheißungsvollen Namen "Kraft" sorgte in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg durch internationale Erfolge für großes Aufsehen, wurde aber 1941 verboten.

Zurück am Karmelitermarkt, wo der samstägliche Einkäufer immer wieder über Messingplatten "stolpert", die Auskunft über arisierte Standler geben: Ein Weg der Erinnerung durch die Leopoldstadt gedenkt der Biographien jüdischer Wiener, die während des Dritten Reichs entweder aus ihrer Heimat vertrieben oder ermordet wurden.

In der Tempelgasse beginnend, verbindet er rund 30 Stationen der jüdischen Geschichte des Bezirks miteinander und ist eine ebenso spannende Entdeckungsreise durch das jüdische Wien wie Birgit Schwaners Buch. (fratha)

Birgit Schwaner, "Jüdisches Wien. Eine Entdeckungsreise von Herzl bis Hakoah", 128 Seiten, € 9,90

Die seit 1984 in Wien lebende Birgit Schwaner wurde 1960 in Deutschland geboren. Sie studierte Germanistik und Philosophie und ist seit 1991 als Journalistin für diverse österreichische Zeitungen und Magazine tätig.

  • Birgit Schwaners Buch Jüdisches Wien. Eine Entdeckungsreise von Herzl bis Hakoah ist in der Reihe wienfacetten im metro-Verlag erschienen.
    cover: metroverlag

    Birgit Schwaners Buch Jüdisches Wien. Eine Entdeckungsreise von Herzl bis Hakoah ist in der Reihe wienfacetten im metro-Verlag erschienen.

  • Am Weg der Erinnerung gedenken im Boden eingelassene Messingplatten zahlreicher Biographien jüdischer Mitbürger, die aus ihrer Heimat vertrieben oder ermordet wurden.
    foto: steine der erinnerung

    Am Weg der Erinnerung gedenken im Boden eingelassene Messingplatten zahlreicher Biographien jüdischer Mitbürger, die aus ihrer Heimat vertrieben oder ermordet wurden.

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