Dmitri Prigow 1940–2007

24. Juli 2007, 13:51
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Der Konzeptualist und Kultfigur der russischen literarischen Avantgarde, starb 66-jährig in Moskau am Vorabend einer Performance an einem Herzinfarkt

Wien – "Wohin gehen die Herren? – Wir gehen zum Dichter Prigow. – Zu Prigow? Der Milizionär war nicht einmal erstaunt. – Kennen Sie den etwa? – Ich kenne ihn. Sein Werke kann ich aber nicht gutheißen." Die Episode aus dem autobiografischen Roman Lebt in Moskau! vereint in nuce alles, was den Mythos Prigow ausmachte: Dichtertum, Formalismus, Insubordination und Ironie. Ursprünglich zum Bildhauer ausgebildet, wechselte der 1940 in Moskau geborenen Dmitri Alexandrowitsch Prigow nach einem kurzen Intermezzo in der Architekurverwaltung der Hauptstadt zur Literatur.

Im Reich des Defizits

Mit seinen Gedichten über Küchenschaben, Mäuse, Puschkin und Lermontow, die sich im sozialistischen Reich des Defizits brav in der Schlange anstellen, avancierte Prigow binnen weniger Jahre zum "König des literarischen Undergrounds".

Der Kulturtheoretiker Boris Groys bezeichnete Prigows maximalistisches Dichtungsprojekt – drei Texte pro Tag, bis zur Erreichung einer Zahl von insgesamt fünfundzwanzigtausend Gedichten – als "wichtigste Unternehmung des romantischen Moskauer Konzeptualismus". Prigows bekannteste Gestalt wurde dabei das halbmetaphysische Wesen des Milizionärs, in dessen Verkleidung der frenetische Performer selbst auch auftrat. Die Sowjetmacht goutierte das literarische Maskenspiel über den Tod des Autors und das Gedicht nach dem Ende des Gedichts wenig und steckte Prigow nach Veröffentlichung so genannter "Aufrufe an die Bürger" im zweiten Jahr von Gorbatschows Perestrojka kurzerhand in die Psychiatrie.

Lesungen mit Jazz

Prigows Hochzeit als so genannter Soz-Realist sollten die 1990er-Jahre werden: Von seinen insgesamt an die 8000 Lesungen wurden jene mit den Jazzern Tarassow und Pekarskij im Moskauer Tschaikowski-Saal schon zu Lebzeiten des Autors zu einem fast mythischen Event. Prigow las dabei eine Zahlenreihe von eins bis siebenhundert. Neben einer vierbändigen Gesamtausgabe erschien eine regelrechte Flut von Einzelpublikationen – von der Autobiografie Lebt in Moskau! und dem Reisebericht Moskau – Japan und zurück (2003) sowie dem Buch der Bücher (2003) bis zum siebenhundertseitigen Roman Renat und der Drache (2005).

Als einer der wenigen Vertreter der russischen literarischen Avantgarde mit Bekanntheit im In- und Ausland ergriff Prigow in den letzten Jahren vermehrt gegen die Umtriebe so genannter Patrioten aus dem Umkreis des Kreml auch öffentlich das Wort. Bizarres Ende des Konzeptualisten: Am Vorabend einer Performance, bei der Prigow auf einem Schrank sitzend und seine Texte rezitierend zweiundzwanzig Stockwerke der Moskauer Universität emporgetragen werden sollte, erlitt der Autor einen Herzinfarkt. In dessen Folge verstarb er am Montag im Alter von 66 Jahren. (Erich Klein, DER STANDARD/Printausgabe, 18.07.2007)

  • Viele seiner rund 8000 Lesungen gewannen schon zu seinen Lebzeiten mythische Größe. Dmitri Prigow galt in Moskau als Leitfigur der literarischen Avantgarde.
    foto: privat

    Viele seiner rund 8000 Lesungen gewannen schon zu seinen Lebzeiten mythische Größe. Dmitri Prigow galt in Moskau als Leitfigur der literarischen Avantgarde.

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