Was macht einen Arzt gut?

5. Oktober 2007, 16:46
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Ärzte müssen sich heute vielfältigen Herausforderungen stellen - sagen Internist Heinrich Klech und Ärztepräsident Walter Dorner - Diskussion

Ein Arzt sollte ein scharfer Beobachter, vernetzter Denker und guter Forscher sein, meint der Internist Heinrich Klech, doch die Rahmenbedingungen dafür werden immer schlechter, warnt Ärztekammerpräsident Walter Dorner. Das Gespräch moderierte Karin Pollack.

STANDARD: Schulmedizin ist die Summe verschiedener Fachrichtungen. Laufen Ärzte nicht Gefahr, den Blick auf den ganzen Menschen zu verlieren?

Dorner: Das stimmt. Es gibt einen Trend zur Spezialisierung, der den Arzt als Universalisten immer mehr zurückgedrängt. Schlussendlich wollen aber auch die Patienten Expertenwissen. Doch ein wirklich guter Arzt sollte die Gesamtsicht auf einen Patienten nicht verlieren. Zu Beginn muss immer eine genaue Untersuchung stehen, auf deren Basis eine Diagnose gestellt werden kann. Die Aufgabe der Spezialisten ist es dann, diesen primären Befund zu untermauern. In der Realität findet das immer weniger statt. Es sind die Arbeitsbedingungen, die Ärzten im Spital in ökonomischen Zwängen denken lassen und ihnen die Zeit für den Patienten rauben.

Klech: Ich sehe in der Getrenntheit der Fachbereiche nichts Schlechtes, vorausgesetzt, die Fachbereiche kommunizieren miteinander. Es gibt sehr komplexe Krankheiten, beispielsweise Autoimmunerkrankungen, die sich überall im Körper auf unterschiedliche Weise manifestieren, und in solchen Situationen ist es eine Frage der Aufmerksamkeit, Zusammenhänge zu erkennen.

STANDARD: Als Patient muss man aber Glück haben, so einen Arzt zu finden.

Klech: Es geht darum, dass Mediziner interdisziplinär denken. Das ist entscheidend. In keinem anderen Wissensbereich gibt es so viel Fortschritt wie in der Medizin. Ganz wichtig dabei ist, den Überblick nicht zu verlieren. In Schwerpunktkrankenhäusern funktioniert die Zusammenarbeit der Fachrichtungen sehr gut. Etwas schwieriger ist es im niedergelassenen Bereich, da muss es Konzepte für ein verbessertes Zusammenspiel der Fachärzte geben.

STANDARD: Wie gut ist die medizinische Ausbildung?

Dorner: Das Medizinstudium hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Früher lernte man die Fachrichtungen nacheinander: Chemie, Physik, Anatomie, Pathologie usw. Natürlich mussten sich die Mediziner dieser Generation viel mehr erarbeiten. Heute ist das Curriculum anders. Was zählt, ist der Überblick, man studiert Organe und ihre möglichen Erkrankungen.

STANDARD: Wo lernen Ärzte wissenschaftliches Arbeiten?

Dorner: Postgraduell, ein Doktoratsstudium steht am Ende der Ausbildung. Medizinstudenten werden auch als Wissenschafter ausgebildet.

Klech: Die klinische Forschung, also die Forschung am Patienten, ist für die Reputation eines Arztes als Wissenschafter ganz entscheidend. Wir wollten einen Ort schaffen, an dem Ärzte zu klinischen Forschern ausgebildet werden, und haben die Vienna School of Clinical Research (VSCR) als universitäre Struktur gegründet. Wir haben 2600 Ärzte aus 77 Ländern ausgebildet. Das zeigt, dass es in diesem Bereich ein Vakuum in der Ausbildung gegeben hat.

STANDARD: Was konkret lernen Ärzte an der VSCR?

Klech: Es geht um ethische Aspekte, die Arbeit mit Patienten im Rahmen von Studien, die Vermeidung von Risiken und Gefahren. Natürlich ist auch die wissenschaftliche Umsetzung ein zentrales Element. Was ist ein wissenschaftlich korrekter Ansatz? Wie erstelle ich Therapieprotokolle? Wie werte ich Ergebnisse aus? Wie überprüfe ich sie? Wie schreibe ich eine Publikation?

STANDARD: Ist wissenschaftliches Arbeiten für den Ruf entscheidend?

Dorner: Ja,aber Ärzte haben immer weniger Zeit für Forschung und Weiterbildung, vor allem im Spital wird unter Hochdruck gearbeitet. Es geht unheimlich viel Zeit für bürokratische Tätigkeiten verloren. Und der Zeitaufwand für Forschung wird nicht als Arbeitsaufwand betrachtet. Ein junger Arzt, der forschen will, kann das nur in seiner Freizeit machen. Das empfinde ich als Ungeheuerlichkeit.

STANDARD: Wer ist schuld an dieser Entwicklung?

Dorner: Die Politik, die Forschung eigentlich fördern sollte. Politiker sollten Architekten unseres Gesundheitssystems sein, aber hier sind sie lediglich Poliere, die den Bauplan, den sie von irgendjemandem bekommen haben, umzusetzen versuchen. Diese Entwicklung geht derzeit auf Kosten der Ärzte, die durch hohen Zeit- und Kostendruck den Blick auf das Wesentliche, nämlich auf den Patienten, verlieren. Wir brauchen eine Humanisierung der Medizin, das ist die Herausforderung, der wir uns in den kommenden Jahren stellen müssen.

Klech: Und das ist vor allem für die klinische Forschung wichtig, denn sie ist eine der sensibelsten Gebiete, auf dem man derzeit forschen kann. Der Patient wird zum Partner, der am Fortschritt massiven Anteil hat. Ärzte müssen Patienten gut informieren können, sie über Risiken und Nutzen aufklären, ihnen Mitspracherecht einräumen.

STANDARD: Es geht also um kommunikative Kompetenz?

Klech: Ja, aber nicht nur. Ich würde den Bereich Forschung nämlich noch weiter ausdehnen. Jede klinische Dokumentation ist bereits Teil der Forschung. Das gilt auch für den praktischen Arzt, wenn er seine Erfahrungen gut dokumentiert, findet ja bereits Evidenzbasierte Medizin statt. Die Fähigkeiten, die man dafür braucht, sind eine gute Beobachtungsgabe, das Sammeln von Daten und ihre Auswertung. Eine gute Dokumentation, die eine ethisch fundierte, wissenschaftlich Hypothese zur Grundlage hat, ist entscheidend für den Fortschritt und für bessere Therapien.

Klech: Seit das menschliche Genom entschlüsselt ist, ist das Tempo des wissenschaftlichen Fortschritts enorm. Wir werden in den nächsten Jahren eine Revolution in der Therapie von Krankheiten erleben. Doch natürlich braucht man dafür auch Ressourcen. Wir müssen die Politik davon überzeugen, sie zur Verfügung zu stellen. Nur dann können wir mithalten. Denn natürlich kostete Fortschritt Geld. Wir werden alle immer älter und wollen Nutznießer neuer Therapien sein.

Dorner: Stillstand ist Rückschritt, das muss allen Beteiligten am Gesundheitssystem klar sein.

STANDARD: Was trägt die Ärztekammer zum Fortschritt bei?

Dorner: Wir bieten Fort- und Weiterbildungsprogramme im Rahmen von Kongressen und Seminaren. Jeder Arzt muss innerhalb von drei Jahren 150 Fortbildungspunkte, die etwa 150 Fortbildungsstunden entsprechen, nachweisen können. Das gilt für alle Fachbereiche, für niedergelassene Ärzte genauso wie für Spitalsärzte.

STANDARD: Was müssen die Ärzte der Zukunft können?

Dorner: Nur Arzt zu sein wird einfach nicht mehr genug sein. Jeder Arzt muss auch ökonomisch denken und handeln lernen, sich mit Betriebsformen für eine eigene Praxis auseinandersetzen und viel mehr als Unternehmer agieren. Zudem werden sich Ärzte auch verstärkt mit rechtlichen Aspekten beschäftigen müssen. All das sind Zusatzkompetenzen, die uns der Gesetzgeber aufbürdet. Trotz allem dürfen wir aber niemals unsere Kernkompetenz, und zwar die der heilenden Hände, verlieren. Die Frage ist, wie sich das bewerkstelligen lässt, denn schon heute wird Ärzten zu wenig geboten. Da braucht sich niemand wundern, wenn die besten Köpfe in die USA gehen.

Klech: Es muss uns klar sein, dass wir ein patienten- und forschungsorientiertes Umfeld schaffen müssen. Bei uns geht es in jeder Diskussion sehr schnell immer nur um die Kosten und die Frage, wie sie reduziert werden können. Hier sehe ich eine große Gefahr. Vielleicht werden wir mit dieser Einstellung eines Tages einfach keinen Zugang zu den neuesten Therapien haben. Worunter Ärzte heute am meisten leiden, ist der Druck von Administration und Verwaltung. Das heißt: Hier braucht der Berufsstand Hilfestellung. Für Forschung braucht man Kapazitäten und vor allem Neugierde.

STANDARD: Müsste denn nicht auch die Ärzteschaft Strukturen verändern?

Dorner: Bei den Spitalsärzten orten wir Veränderungspotenzial aufgrund der hohen Frauenquote. Mehr als 53 Prozent der Belegschaft sind Ärztinnen. Es muss Möglichkeiten geben, Beruf und Familie besser als bisher vereinen zu können, das heißt also, dass es Teilzeit-Arbeitszeitmodelle geben muss - und zwar eine gleichberechtigte Teilzeit. Das gilt auch im niedergelassenen Bereich. Ärztinnen sollen sich zusammenschließen können. In Wien laufen mit Unterstützung der Stadt und der Sozialversicherung schon Projekte.

Klech: Wichtig ist vor allem eine Internationalisierung, denn es wäre eine Illusion zu glauben, dass ein kleines Land wie Österreich in der Forschung isoliert agieren soll. Forschung ist ein Wettlauf der klügsten Köpfe und extrem kompetitiv. Österreich und besonders Wien ist geografisch eine Drehscheibe, das Tor in die Länder des Ostens.

STANDARD: Wer kontrolliert eigentlich die Ärzte?

Dorner: Jeder mündige Patient. Institutionell gibt es die ÖQMed, die die Qualität von Praxen und Spitälern prüft.

Klech: Heute kommen Patienten bereits ser gut informiert zum Arzt. Das finde ich positiv, weil es ein Ansporn sein kann. Wir leben in einer Informationsgesellschaft, auch jeder Mediziner muss mit einer Flut von Informationen umgehen lernen. (MEDSTANDARD/16.07.2007)

  • Heinrich Klech (58) ist Internist und hat in Wien und in den USA studiert. Er ist Forschungsmanager beim Pharmakonzern Eli Lilly, lehrt an der Med-Uni Wien und lehrt als Professor für Interne Medizin und hat eine Privatpraxis. Im Jahr 2000 wurde auf seine Initiative die Vienna School of Clinical Research gegründet, eine Non-Profit-Organisation in Kooperation mit Universitäten und der Industrie. Zudem ist Klech an der Akademie der Ärzte als Vortragender tätig.
    foto: standard/regine hendrich

    Heinrich Klech (58) ist Internist und hat in Wien und in den USA studiert. Er ist Forschungsmanager beim Pharmakonzern Eli Lilly, lehrt an der Med-Uni Wien und lehrt als Professor für Interne Medizin und hat eine Privatpraxis. Im Jahr 2000 wurde auf seine Initiative die Vienna School of Clinical Research gegründet, eine Non-Profit-Organisation in Kooperation mit Universitäten und der Industrie. Zudem ist Klech an der Akademie der Ärzte als Vortragender tätig.

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    Walter Dorner (65) ist langjähriger Präsident der Ärztekammer für Wien und seit Kurzem auch Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Dorner hat in Wien Medizin studiert und 1975 seine Facharztausbildung zum Chirurgen abgeschlossen. Er arbeitete als Spitalsarzt und war zuletzt Kommandant des Heeresspitals in Wien-Stammersdorf. Seit 1981 engagiert er sich in der Standespolitik. Dorner ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. (pok)

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