Wieso eigentlich Hundstage?

4. Juli 2007, 18:00
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Ich lud H. ein rauszukommen. Aufs Land. Er nahm das persönlich: Ob ich ihn umbringen wolle?

Es war heute. Als sich die Zeit zu ziehen begann. Als sie träge wurde, müde tropfte und in sich selbst ertrank und erstickte. Da rief H. an: Wo wir seien. Was wir täten. Ob uns auch heiß wäre. Und wieso alle von den Hundstagen sprächen, die heuer zu früh da wären. Wieso, ächzte H., heißen die Dinger eigentlich Hundstage?

Ich tat, als würde ich nachdenken. Aber H. kam mir zuvor: Die Antwort sei egal. Weil sie zwischen Telefon und Ohr zu kochen begänne – und in seinem Kopf verdampfe würde. Er sei, sagte H., sicher, dass ihm der Begriff bisher jedes Jahr erklärt worden sei. Zumindest in Jahren, in denen Hundstage Hundstage gewesen wären. Weil sonst ja kein Mensch über sie gesprochen hätte.

Auch warm?

Aber die Antwort, ächzte H., sei ihm noch jedes Mal umgehend wieder entfallen. Oder nie bewusst geworden. Und das habe wohl seinen Grund. Ihm sei, klagte H. nämlich gerade heiß. Furchtbar heiß. Viel zu heiß. Und er wolle, sagte H. eigentlich ganz etwas anderes fragen. Wo wir denn gerade wären nämlich. Und ob es da auch warm sei.

H. ist sonst kein Typ für No-Na-Fragen. Keiner der jammert. Schon gar nicht übers Wetter. Außer wenn es heiß ist. Richtig heiß nämlich. Dann ruft H. an – und hat alle Jahre wieder die gleiche Frage. H. hat nämlich eine Dachwohnung. Mit Terrasse. Südseitig. Mit Ausblick von überall über alles, was Süd-Wien und südlich davon ist. Bis zum Schneeberg. Ein Schnäppchen, jubelte H., als er die Wohnung kaufte. Da war es Herbst.

Scheinschnäppchen

Das Schnäppchen war natürlich nur vergleichsweise billig. Weil andere Wohnungen in gleicher Lage und gleicher Größe locker das Doppelte kosten. Drum zahlt H. da jetzt Raten an die Bank, die er sich leisten kann. Aber viel mehr geht sich nicht aus – etwa ein Garten draußen im Grünen.

Doch als der erste Sommer kam (der Winter davor war mild gewesen), erkannte H., wieso sein Dachtop so günstig gewesen war: Das Ding mutierte zum Tropenhaus. Bis zu 55 Grad maß H. in den Räumen mit Glas und Blick über die Stadt. Also fast überall. Nur ging halt der Blick über die Stadt flöten: Die Isolierzwischenräume zwischen Scheiben beschlugen sich.

Konkurs

H.s Beschwerden landeten – Überraschung – beim Salzamt: Der Bauträger und Baufirma war längst in den Konkurs geflüchtet. Eine Neuverglasung (und auch gleich eine ordentliche Isolierung der Dachflächen, denn da waren, entdeckte ein Gutachter, nämlich nur Rigips, Dachstuhl und Dachziegel) wäre möglich – und teuer. Zu teuer. Also bleibt H. zu den Hundstagen nur hecheln & winseln – und der Rundruf: Wo seid ihr gerade?

H. hatte mich in der Hängematte erwischt. Im Schatten. Nicht in Wien. Klar, mir sei auch heiß. Und ich, tröstete ich H., ich würde heute auch noch ordentlich dampfen. Weil ich mit dem Rad zurück in die Stadt müsse. Er wisse von wo. Er könne jederzeit gerne rauskommen und noch eine Hängematte aufhängen. Und wenn wir dann in der Dämmerung zurück nach Wien führen, hätten wir erstens Rückenwind. Oder/und könnten wieder einmal Windschattenfahren üben.

40 Kilometer bei 40 Grad

H. winselte: Ob ich den Verstand verloren habe? Er fahre zwar gern schnell und halbwegs weit – aber 40 Kilometer durch Luft wie flüssiges Blei bei Gegenwind ... Ob ich denn etwas gegen ihn persönlich habe?

Ich lenkte ein. Und sagte, dass natürlich auch die kurze Strecke nehmen könne. Ich hätte eh fast mit seinem Anruf gerechnet: Die Rollos daheim wären runtergelassen, der Eiswürfelspender in der Eiskastentür repariert und die Zimmertemperatur dürfte unter der Hälfte seiner Wohnungswerte liegen. Schlüssel habe er ja.

Bezahlung in Eis

H. war selig: Vier Stockwerke und zwei Häuserblocks würden er und seine Freundin heute gerade noch schaffen. Dann legte er auf. Ich war auch zufrieden; H. weiß nämlich was sich gehört. Am Weg von ihm zu mir liegt mein Lieblingseissalon. Und hinter meinem Eiswürfelspender hat eine große Eisladung immer noch Platz gefunden. Inklusive einem Zettel: "Ich gelobe, nie wieder mit meiner Dachwohnung anzugeben."

Dieses Versprechen wird H. nicht halten. Aber das macht nichts. Und ich werde auf dem Rückweg nach Wien schon irgendeinen Rad-Ehrgeizling finden, der es mit seiner Männlichkeit nicht vereinbaren kann, überholt zu werden. Und der mich dann im Windschatten an seiner Hinterradnabe fast bis zu meinem Eiskasten zieht. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 16.7.2007)

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