Kranfahrer stirbt bei Sturm in Wien: "Niemand pfeift sich was drum"

19. Juli 2007, 16:11
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Er könnte noch leben, wenn die Sturm-Warnungen von der Firma ernst genommen worden wären, vermutet auch die Polizei

War es nur ein tragischer Unfall, als im Juni beim großen Sturm ein Kranfahrer in der Wiener Innenstadt starb? Oder ist Gerhard T. ein Opfer der Arbeitsverhältnisse in der Baubranche? Hinterbliebene und Polizei halten eine Mitschuld der Bauleitung für möglich - Von Michael Simoner

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Wien - "Die Arbeitsbedingungen am Bau werden immer schlechter und niemand pfeift sich was drum." Aus Frau L. sprechen Verbitterung und Trauer. Ihr Lebensgefährte war der Kranführer, der am 21. Juni in der Wiener Innenstadt ums Leben kam, als der schwere Sturm den 55 Meter hohen Baukran aus der Verankerung riss und auf das Gebäude der Hauptfeuerwache Am Hof warf. Gerhard T. (52) hatte keine Chance, er wurde in der Kanzel eingeklemmt und konnte nur mehr tot geborgen werden.

Bericht an Staatsanwalt

Nicht nur Frau L. ist der Meinung, dass ihr Lebensgefährte und Vater ihres 12-jährigen Sohnes noch am Leben sein könnte, wenn die Sturmwarnungen von der Baufirma ernst genommen worden wären. Auch die Polizei hält in einem Bericht für die Staatsanwaltschaft ein Mitverschulden der Bauleitung möglich.

Wie berichtet, waren die Ermittler zuerst davon ausgegangen, dass der Kranführer von einer heftigen Böe überrascht worden sei. Die Frage ist allerdings, ob die Bauleitung nicht schon vorher die Arbeiten unterbrechen hätte müssen, denn Sturmwarnungen waren schon Stunden, teilweise sogar einen Tag zuvor via Medien veröffentlicht worden.

Anruf vom Kran

"Um 16.45 Uhr hat mich Gerhard noch von der Kanzel aus angerufen, um mich daran zu erinnern, wegen des Windes die Markisen einzufahren", erinnert sich Frau L. - 13 Minuten später geriet der Turmdrehkran zuerst ins Wanken und krachte schließlich auf das Dach der Feuerwehr. Am Seil hing noch ein tonnenschwerer Betonkübel.

Kein Betrieb ab Windstärke 6

Nach den Vorschriften muss ab Windstärke 6 (entspricht 13 Metern pro Sekunde) der Kranbetrieb eingestellt werden. Ein Kranführer kann das selbst entscheiden, aber bei einer gerade gelieferten Betonlieferung gehen viele über die Grenzen, wenn ihnen ihr Job lieb ist. Gerade in der Baubranche ist der Druck auf die Arbeiter enorm.

Baufirma weist Vorwürfe zurück

Die Baufirma weist Vorwürfe zurück, als der Sturm aufgekommen sei, habe man sofort reagiert. Der Polier der Baustelle befand sich nach eigenen Angaben zum Zeitpunkt des Unglücks gerade auf dem Weg von der Tiefgarage Am Hof zur Baustelle, nachdem er vom Bauleiter in Wien-Neubau die Anweisung erhalten hatte, die Arbeiten abzubrechen.

Staatsanwaltschaft prüft

Die Staatsanwaltschaft wird nun überprüfen, ob vorbeugende Maßnahmen getroffen hätten werden müssen und ob wegen Mitverschuldens ein Verfahren gegen die Baufirma eingeleitet wird. Frau L. will nur, dass irgendetwas passiert, damit ähnliche Unglücke in Zukunft verhindert werden können. "Und damit endlich die Sklavenhaltung am Bau unterbunden wird."

Drei Todesopfer

Die Gewitterfront vom 21. Juni wütete mit bis zu 137 Stundenkilometern über Ostösterreich. Allein in Wien starben zwei Menschen, 60 wurden verletzt. Neben dem Kranführer Gerhard T. kam eine Frau im Ruderklub Alte Donau ums Leben, als ein Baum auf das Klubgebäude stürzte. Im niederösterreichischen Rannersdorf bei Schwechat starb ein 51-jähriger Gemeindebediensteter, als sein Auto von einem umstürzenden Baum getroffen wurde. Weitere 20 Menschen wurden in Niederösterreich verletzt. (Michael Simoner/DER STANDARD Printausgabe 16.7.2007)

  • Der Kran krachte gegen die Hauptfeuerwache Am Hof. Jetzt wird gegen die Baufirma ermittelt
    foto: standard/ christian fischer

    Der Kran krachte gegen die Hauptfeuerwache Am Hof. Jetzt wird gegen die Baufirma ermittelt

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