"Nuke": Die letzte Zigarette

24. Juli 2007, 14:25
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Beim zweitägigen Festival in St. Pölten wurde vor mehr als 30.000 Besuchern wieder einmal bewiesen, dass Musik bei einer Großveranstaltung längst nicht mehr alles ist

Mit Lambchop oder Tinariwen gab es diesbezüglich trotzdem einige Höhepunkte.

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St. Pölten - Wenn man bedenkt, dass sommerliche Rock- und Popfestivals in Österreich Anfang der 90erJahre, also unter der Regierung Kurt Cobain, noch ebenso selten waren wie diverse Operetten-, Nestroy- und Gelsenfestspiele an Angern und Weihern, auf zusammenfallenden Raubritterburgen oder in Heustadln und Steinbrüchen, dann muss man sagen: Hier hat sich einiges getan!

Die Menschen in diesem Land sind mobil geworden. Sie haben dazupassenden Funkverkehr, machen sich währenddessen Geselligkeiten aus. Und sie geben sich die Feinstaubbelastung auch einmal außerhalb der üblichen verdächtigen Ballungszentren etwa in Nickelsdorf, St. Pölten oder am Salzburgring auf nahe der Autobahn gelegenen Agrarflächen, Großparkplätzen und Messegeländen.

Wo sich also früher das Kraut selbst erschießen musste oder eine einsame Baumax-Filiale am Wochenende darauf wartete, dass sie Montag endlich wieder aufsperren durfte, überfallen einen heute beispielsweise zwischen der A1, Abfahrt St. Pölten-Süd, und dem Stadtzentrum auf einer als Messegelände nur unzureichend getarnten Schotterpiste bei gefühlten 45 Grad im Schatten sämtliche dekadente Errungenschaften einer Zivilisation, die nicht mehr still sein darf - aber derart hallo! -, dass man sich das erste Mal in seinem Leben Sorgen um die Natur macht.

Am helllichten Tag sitzen also beim heurigen Nuke-Festival weiter hinten auf dem Gelände - nur eine Woche, nachdem es Al Gore bei Live Earth ausdrücklich verboten hat! - junge Menschen auf Klappsesseln im Bach. Sie trinken Getränke aus Aludosen, werfen Zigarettenstummel ins Wasser und versauen mit batteriebetriebenen Ghettoblastern den Fischen und Singvögeln den Tag. Überhaupt führen sie sich auf, als ob nach ihnen nichts mehr kommen würde. Was gut sein kann. Wenn nämlich noch mehr Buben bei dieser Hitze schon so viel so früh konsumieren und dann w. o. geben wie hier, dann gute Nacht, Frau Österreicher!

Himmel hilf!

In der anderen Himmelsrichtung, dort wo die Sonne sticht, kämpft man sich zwischen Dummer-Hut- und Jochbein-Piercing-Ständen gleich links am Bungee-Jump-Kran und der Hütte von Jack Daniel's vorbei Richtung Hauptbühne. Man muss nur noch der Musikplattform von Coca und Cola, einem Kletterturm und einer riesigen, aus einem aufgeklappten Sattelschlepper gebauten mobilen Telefonzelle ausweichen, die will, dass man immer noch mehr telefoniert. Eines Tages werden sie alle uns einfach so zusammenschlagen.

Jetzt noch schnell bei den dänischen Hotdogs (Himmel!) und dem Bakmie Goreng (Hilf!) den Atem angehalten und schon sehen und hören wir den jamaikanischen Reggae-Star Beenieman das Ende von Babylon beschwören: "Emancipate yourselves from mental slavery/None but ourselves can free our minds ...", heißt es da im von ihm interpretierten Redemption Song von Bob Marley. Wie es aussieht, ist es dafür heute aber schon wieder einmal zu spät.

Ach ja, Musik ist bei so einer Sause dann halt auch dabei. Aber sie ist nicht das Wichtigste. Das wissen auch die Musiker und setzen bei Festivals im Kampf um die Aufmerksamkeit auf forsche Interpretationen ihrer bekanntesten Titel. Freitags erinnerten etwa Die Fantastischen Vier oder The Prodigy an ihre besseren Zeiten. Am Samstag holzten Wir sind Helden und die Beastie Boys.

Ernstzunehmende Kunst wurde dementsprechend nicht auf der großen Freiluftbühne im Hitzestau geboten, sondern vis-à-vis unter regulären Bedingungen in der klimatisierten Halle. Neben den wunderbaren, aus Mali kommenden Beduinenrockern Tinariwen und ihren Landsleuten, dem Afro-Pop-Ehepaar Amadou & Miriam, begeisterte hier vor allem der so gar nicht in dieses Jahrmarktstreiben passende US-Songwriter Kurt Wagner mit seiner das Langsame und Stille bevorzugenden und sich dem tosenden Heute widersetzenden Americana-Band Lambchop. Zeit dauert hier genau jene Zigarette, die gerade auf den Mikroständer geklemmt niederbrennt. "It was a lousy day", grummelt Wagner freundlich mit Grabesstimme und sieht der Glut beim Verglimmen zu. Babylon's burning with boredom now. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 7. 2007)

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"Nuke"
  • Bei Kurt Wagner von Lambchop dauern unsere heutigen lauten Zeiten eine Zigarettenlänge.
    foto: christian fischer

    Bei Kurt Wagner von Lambchop dauern unsere heutigen lauten Zeiten eine Zigarettenlänge.

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