Hahn: "Wenn Kindern Chancen verbaut werden, muss ich einschreiten"

7. Jänner 2008, 09:00
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Wissenschaftsminister Hahn im STANDARD-Interview: Strafdrohungen seien "Motipulation" - Wesentlichste Punkte der Integration: "Bildung, Bildung, Bildung"

Johannes Hahn, Wissenschaftsminister und Wiener ÖVP-Chef, über seine Hardliner-Anwandlung in Sachen Kindergartenbesuch, "Realitätsabgleich" und "Motipulation", die "Herren" Strache und Westenthaler, und Haiders "beste Zeiten". Mit ihm sprach Lisa Nimmervoll.

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STANDARD: Herr Minister, seit wann sind Sie unter die Hardliner gegangen? Ausgerechnet Sie, der Vorzeige-Liberale der ÖVP, sagt: Kinder mit Sprachdefizit in den Kindergarten oder Familienbeihilfe weg.

Hahn: Ich habe viele Jahre lang die Freiwilligkeit gepredigt und würde das gerne weiter tun. Nur, mir gehts darum, dass Kinder, die Sprachprobleme haben, auch die mit deutscher Muttersprache, die Möglichkeit bekommen, altersadäquat ihre sprachliche Qualifikation zu verbessern. Da habe ich leider zur Kenntnis nehmen müssen, dass genau jene Gruppen, deren Kinder das wahrscheinlich am dringendsten brauchen, die Möglichkeiten nicht hinreichend in Anspruch nehmen.

STANDARD: Welche "Gruppen" meinen Sie damit genau?

Hahn: Man kann die Augen vor der Realität nicht verschließen. Es sind eben vielfach Kinder von Migrantinnen und Migranten, die in einer Struktur aufwachsen, wo sie nicht Deutsch sprechen. Wir haben ein unglaubliches Potenzial an Zweisprachigkeit und müssen beide Sprachen fördern. Es geht mir ja nicht darum, nur Deutsch zu forcieren.

STANDARD: Warum glauben Sie ist ein Teil der Migrantenkinder nicht im Kindergarten?

Hahn: Ich höre immer wieder von Lehrerinnen, dass es offensichtlich in manchen Familien nicht gewünscht ist, dass das Kind in den Kindergarten geht. Das scheint auch ein Kulturthema zu sein, nicht so sehr ein finanzielles.

STANDARD: Politik sollte doch den Anspruch haben, solche "Kulturthemen" anzugehen. Leisten das Strafdrohungen?

Hahn: Ich würde es eine Form der "Motipulation" nennen. Eine Mischung aus Motivation und Manipulation. Wie bringe ich jemanden dazu, etwas in meinen Augen Sinnvolles zu tun. Auch das Kindergeld war an Untersuchungen im Mutter-Kind-Pass geknüpft. Als das temporär eingestellt wurde, haben bestimmte Gruppen mit den Untersuchungen sofort aufgehört. Das tut mir weh als Humanist, aber nur weil Eltern nicht die Sensibilität haben, kann das nicht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden.

STANDARD: Dass die Maßnahme ziemlich unverhohlen auf Migranten abzielt, kritisiert die Armutskonferenz als Ethnisierung der Vorschulförderung.

Hahn: Ich leugne das gar nicht. Es geht ja auch um Realitäten, die man zur Kenntnis nehmen muss. Wir haben in Österreich knapp 79.000 Fünfjährige, davon gehen etwa 73.000 in den Kindergarten. Österreichweit reden wir also von 6000 Kindern, davon 2500 in Wien. Das sind keine gigantischen Mengen. Wir sollten gemeinsam nachdenken, wie wir Migrantinnen und Migranten integrieren. Da ist für mich eigentlich das Wesentlichste: Bildung, Bildung, Bildung. Die kann nie früh genug beginnen.

STANDARD: Ein Zitat: "Das Gratiskindergartenjahr muss dazu genutzt werden, allen Kindern die notwendigen Sprachkenntnisse zu vermitteln. Kinder mit Migrationshintergrund, sowie österreichische gleichermaßen, brauchen ausreichende Deutschkenntnisse, um von Anfang an am Unterricht erfolgreich teilnehmen zu können." Von wem ist es?

Hahn: Das kann von mir stammen, von vor einigen Jahren.

STANDARD: Nicht ganz. Steht bis heute als zweite "aktuelle" Meldung auf ihrer Homepage.

Hahn: Natürlich würde ich mir gerne das Gratiskindergartenjahr wünschen. Aber das ist Länderkompetenz, und man kann sich der Realität der budgetären Gegebenheiten nicht verschließen. Wenn das nicht geht, geht es eben nicht.

STANDARD: Sollen Kindergartenpädagoginnen universitär ausgebildet werden?

Hahn: Das muss das Ziel sein. An den Pädagogischen Hochschulen sollte ein Ansatz gemacht werden, dass es für Kindergarten und Volksschule eine einheitliche Grundausbildung gibt, und in einem zweiten Studienabschnitt erfolgt dann die Spezialisierung - mit dem Potenzial, dass mit einer Weiterbildung auch ein späterer Wechsel möglich ist.

STANDARD: Sie sagen auf Ihrer Homepage: "Ich lasse mich ungern in Schubladen einordnen." Genau das verordnen Sie jetzt aber selbst schon Fünfjährigen. Also verlange ich es Ihnen auch ab - sind Sie jetzt liberal oder doch konservativ?

Hahn: Meine persönliche Werteskala lautet, es ist nicht Aufgabe der Politik, dem einzelnen vorzuschreiben, wie er zu leben hat. Wir sollen Rahmenbedingungen schaffen. Aber die Freiheit des einzelnen endet dort, wo die Freiheit von anderen beeinträchtigt ist. In diese Überlegungen geht natürlich mit hinein, wenn ich erkenne, dass Kindern Zukunftschancen verbaut werden, weil sie nicht in Bildungseinrichtungen kommen, ob aus sprachlichen, sozialen, ethnischen oder sonstigen Gründen, dann muss ich einschreiten. So sehr mir das persönlich weh tut, weil ich an den selbstständigen Menschen und die Verantwortung des einzelnen, auch der Eltern, glaube. Aber das verstehe ich unter Realitätsabgleich - es funktioniert halt leider nicht überall so.

STANDARD: Täuscht der Eindruck, dass sich die SP/VP-Regierung ihre Opposition gleich selber macht? Sie decken ja von der lustigen Csárdás-Tanzeinlage bis zum Rechtsaußen-Abwehrkampf alles intern ab.

Hahn: Das liegt an der Opposition. Wir stellen eine breite Mehrheit dar, und insofern gibt es verschiedene Zugänge zu verschiedenen Themen. Das ist auch gut so, macht es aber mitunter schwieriger, zu einem Ergebnis zu kommen. Aber wenn es das Ergebnis gibt, dann ist es tragfähiger.

STANDARD: Aber Sie brauchen gar keine FPÖ und kein BZÖ, um sich an denen zu reiben.

Hahn: Worum wir uns als Regierung im Interesse der Gesellschaft bemühen sollten, ist eine vernünftige Politik mit Augenmaß, die verhindert, dass Extreme Zuspruch finden. In der Frage der Asyl- und Zuwanderungspolitik muss man mit Augenmaß unterwegs sein, damit nicht ein Herr Strache und ein Herr Westenthaler einen Nährboden finden.

STANDARD: Irritiert es Sie, dass in bildungspolitischen Fragen ausgerechnet Jörg Haider zur Avantgarde gehört? Er versucht die Gesamtschule und führt das verpflichtende Gratis-Kindergartenjahr, das von allen Experten gefordert wird, ein.

Hahn: Der Jörg Haider war in seinen besten Zeiten in Wien der sozial-liberale Abgeordnete und in Kärnten am selben Tag der Hardliner. Die Linie des Jörg Haider ist die Linie des Jörg Haider.

STANDARD: Aber der ÖVP haftet das Image der veränderungsresistenten Beton-Fraktion an.

Hahn: Da sind wir falsch eingeordnet. Ich kritisiere, dass wir in der Bildungspolitik eine Diskussion führen, die ausschließlich um die 10-14-Jährigen geht. Bildungspolitik beginnt im Kindergarten und hört in Wahrheit nie auf. Stichwort lebenslanges Lernen. Wir sollten über bildungspolitische Grundsätze reden. Wenn wir das außer Streit gestellt haben, sollten wir die Kulturdebatte führen. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.7.2007)

  • "Das verstehe ich unter Realitätsabgleich" - auch wenn's ihm weh tut: Wissenschaftsminister Johannes Hahn.
    foto: fischer

    "Das verstehe ich unter Realitätsabgleich" - auch wenn's ihm weh tut: Wissenschaftsminister Johannes Hahn.

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