Aufholbedarf bei Geldgeschäften mit Muslimen

15. Juli 2007, 15:28
76 Postings

Muslime sind eine Zielgruppe, die die Banken noch nicht entdeckt haben. Um islamkonforme Produkte anzubieten, müssten auch gesetzliche Hürden beseitigt werden

Wien - In Österreich leben laut Statistik Austria rund 400.000 Muslime, die über ein durchschnittliches Einkommen von rund 23.000 Euro im Jahr verfügen und damit um rund 5000 Euro weniger als Österreicher. Die Sparquote liegt mit 20 Prozent aber doppelt so hoch als bei heimischen Sparefrohs (9,8 Prozent). Spar- und Anlageprodukte für Muslime gibt es bei hiesigen Banken aber kaum. Damit lassen die Banken viel Potenzial liegen, so die Ergebnisse einer Studie der Unternehmensberatung AT Kearny.

Zinsverbot

Auf gängige Produkte können gläubige Muslime oft nicht zurückgreifen, da ihr Recht (die Scharia) Zinsen oder Spekulationen verbietet, womit Sparbücher, Kredite oder Hypothekendarlehen, Optionen, Derivate oder Termingeschäfte zum Tabu werden. Aktien sind erlaubt - aber nur, wenn die jeweiligen Unternehmen mit Tabak, Alkohol, Schweinefleisch, Pornografie, Waffen oder Glücksspiel nicht in Verbindung gebracht werden.

Bisher bieten nur die Vakifbank, die Denizbank und die Zveza Bank in Klagenfurt maßgeschneiderte Produkte für ethnische Minderheiten an, vor allem für Export-Geschäfte. Als erste österreichische Bank bietet die RZB Muslimen ein den islamischen Regeln entsprechendes Konto an. Vor dem Einstieg ins Islamic Banking steht die Erste Bank, in den nächsten Monaten will man einen scharia-konformen Fonds auflegen. Keine eigenen Produkte, aber den Vertrieb von schariakonformen Produkten kann sich auch die BA-CA vorstellen.

Potenzial

"Das Potenzial für die heimischen Banken ist enorm, sagt Alexander von Pock, Islamwissenschafter und Experte bei A. T. Kearney. Er schätzt, dass 70 bis 80 Prozent der in Österreich lebenden Muslime Interesse an islamkonformen Bankgeschäften haben.

Großbritannien gilt als Vorreiter, dort wurden sogar Gesetze geändert, damit die islamischen Bankgeschäfte auf sicherem Boden stehen. Auch in Österreich müssten Gesetze geändert werden, um bei Hypotheken doppelte Gebühren zu vermeiden. Um Zinsen für ein Darlehen zu umgehen, müsste die Bank etwa ein Haus kaufen und dieses mit Aufschlag gegen Raten an den Kunden weiterveräußern. Durch den An- und Weiterverkauf werden Gebühren, etwa für den Grundbucheintrag, derzeit doppelt verrechnet. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.7.2007)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Islamic Banking" steckt in Österreich noch in den Kinderschuhen. Produkte für Muslime müssen den Regeln des Koran, etwa dem Zinsverbot, entsprechen.

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.