Konflikte ums Blaue Gold

25. Juli 2007, 12:25
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Der UN-Wasserexperte Jürg Staudenmann im derStandard.at- Interview über die Wasserkrise, Privatisierungen und Nutzungskonflikte

Wasser wird immer wertvoller. Das weltweite Bevölkerungswachstum, aber auch wasserintensive Landwirtschaft tragen dazu bei, dass die natürliche Ressource immer knapper wird. Leidtragende sind meistens die Menschen aus dem Süden, besonders dann, wenn Wasser zum ökonomischen Gut erklärt wird. Wasserexperte Jürg Staudenmann schildert im Interview mit Christa Hager die Probleme rund um privatisierte Wasserversorgung und erklärt, dass historisch gesehen Wasser immer schon als Brücke zwischen den Staaten gedient hat.

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derStandard.at: Wassermanagement oder Wassermaximierung – Worte wie diese lassen darauf schließen, dass Wasser mittlerweile zu einem Wirtschaftsgut geworden ist. Auch der UN-Bericht zur menschlichen Entwicklung geht in seiner Wortwahl in diese Richtung. Ist Wasser mittlerweile ein Wirtschaftsgut?

Jürg Staudenmann: Wassermanagement bezieht sich nicht exklusiv auf den ökonomischen Sinn, sondern beinhaltet vielmehr den Umgang mit der Ressource Wasser. Wasser sollte ein Grundrecht, ein Menschenrecht sein, wie Bildung und Gesundheit. Es geht darum, dass alle Menschen Zugang zu mindestens zu 20-30 Litern trinkbarem Wasser pro Tag und Person haben.

derStandard.at: Das ist weltweit nicht der Fall. Im UN-Bericht setzt man als Lösung der Problematik unter anderem auf Privatisierung. Doch viele Menschen im Süden könnten sich Wasser nicht leisten.

Staudenmann: Natürlich ist Privatisierung per se keine Lösung, genauso wenig wie keine Privatisierung per se eine Lösung wäre. Das Problem der Wasserversorgung besteht seit vielen Jahrzehnten. Viele Staaten sind zu schwach und haben oft die finanziellen Mittel nicht. Sicherlich kann man Wasserversorgung für alle einfordern, das wäre die Ideallösung, aber in der Realität findet dies nicht statt. Menschen, die sich Wasser nicht leisten können, müssen gratis Zugang haben, um zu überleben. Aber wenn man es sich leisten kann, sollte Wasser seinen Preis haben: zum einen kostet die Förderung und Aufbereitung Geld. Zum anderen soll damit vermieden werden, dass das Wasser verschwendet wird.

Wie bis jetzt Privatisierung gelaufen ist, ist in den meisten Fällen der falsche Weg: Wasser kann nicht zu einem ökonomischen Gut werden, das am freien Markt gehandelt wird. Das wäre katastrophal. Wasser ist grundsätzlich als Gemeingut zu betrachten. Andererseits ist der private Sektor aber auch schon längstens Teil dieses Systems, Kläranlagen, Pumpwerke werden ja im Auftrag des Staates von privaten Firmen gebaut.

derStandard.at: Die Wasserprivatisierung in Tansanias Küstenstadt Dar Es Salaam hat gezeigt, zu welchen Probleme eine Privatisierung führen kann: Das Unternehmen hielt sich nicht an die Abmachungen, der Staat kündigte den Vertrag auf und wird nun wegen Profitausfall verklagt.

Staudenmann: Es gibt viele Beispiele, wo zu schnell auf Privatisierung gesetzt wird, beziehungsweise auf die falsche Idee, dass ein freier Markt gerecht ist und damit positive Aspekte wie Effizienz automatisch verbunden wären. Wichtig ist, dass in den Verträgen die Preise und Infrastrukturmaßnahmen klar geregelt sind. Die andere Bedingung ist, dass der Staat stark genug für den Vollzug ist, d.h. diese Verträge auch überwacht und die Firmen dann auch zur Rechenschaft zieht. Dass er Strategien und Lösungen hat, wenn Privatisierungen in die falschen Hände gelangen.

derStandard.at: Privatisierungen führen auch zu scharfen Protesten in der Bevölkerung, besonders in den Ländern des Südens - eine sehr unpopuläre Maßnahme.

Staudenmann: Meist denkt man bei Privatisierung an die multinationalen Konzerne, die sich das Wasser unter dem Nagel reißen wollen. Was in diesem Zusammenhang oft übersehen wird ist aber, dass viele Menschen in den Slums absolut gesehen oft viel höhere Preise für Wasser - meist von schlechter Qualität - zahlen, weil sie es von privaten Wasserhändlern beziehen müssen. Überspitzt formuliert: Privatisierung findet schon "spontan" immer dann statt, wenn der Staat die Leute nicht mit Wasser versorgen kann.

Dass der ökonomische Wert anerkannt wird, heißt nicht automatisch, dass damit frei gehandelt werden soll. Es geht vielmehr darum, lebensnotwendiges Wasser nicht als frei verwend- und verschwendbare Ressource zu behandeln. Was im Zusammenhang mit der Forderung, dass der Staat allen Zugang zum Wasser gewähren soll oft auch verwechselt wird ist, dass Wasser gratis sein soll. Aber wenn es ist gratis ist, besteht die Gefahr, dass es vergeudet wird. Ein gutes Bespiel ist die Ex-Sowjetunion, wo Wasser früher gratis war. -Was eine politische Entscheidung, und so gesehen durchaus vertreten werden kann. Von der ökonomischen Seite her betrachtet bestehen aber eben auch Kosten für die Infrastruktur die von irgendjemandem gedeckt werden müssen.

In Tadschikistan sind die Steuerung und die Finanzierung von Wasserinfrastruktur in den 90ern zusammengebrochen. Zurzeit fühlt sich niemand verantwortlich, niemand hat das Geld für die Instandhaltung. Nun wurden die Leute dort gefragt, was ihnen lieber ist: zwei Stunden am Tag gelbes, ungenießbares Wasser, das gratis ist, oder trinkbares Wasser rund um die Uhr. Es ist nicht schwer zu erraten, was die Leute dort bevorzugen. Sie sind bereit, einen Preis dafür zu zahlen, was wiederum die finanziellen Mittel dafür bereitstellt, die Infrastruktur wieder aufzubauen und zu erhalten.

derStandard.at: Wasser als Handelsgut birgt aber auch die Gefahr der Preissteigerungen.

Staudenmann: Die Preisgestaltung ist ein Thema für sich. Sie wird auf der Welt ganz unterschiedlich gelöst. Südafrika zum Beispiel gibt die ersten 20 Liter pro Tag und Person gratis ab, und hat in Folge Blocktarife mit steigenden Preisen.

Wer bestimmt, wie viel das Wasser für wen kostet, ist sicherlich die schwierigste Frage. Der UNDP-Bericht über die menschliche Entwicklung betont, dass diese Entscheidung grundsätzlich integrativ und partizipativ sollte, also auf sehr demokratische Weise entschieden werden muss.

derStandard.at: Wie soll das funktionieren?

Staudenmann: Die Nutzer müssen am Ende Mitsprachrecht und Mitbestimmungsmöglichkeiten haben. Wie viel Wasser für die Landwirtschaft, wie viel für die Haushalte, wie viel für die Industrie. Schon die Dublin- Prinzipien legen fest, dass alle Betrachter mit einzubeziehen sind, um nicht nur die Stärksten entscheiden zu lassen. In Johannesburg wurde von der Staatengemeinschaft beschlossen, dass bis 2005 alle Staaten einen solchen Plan des „Integrierten Wasserressourcenmanagements“ haben müssen - auf nationaler Ebene einen Masterplan beschließen, in dem über das Wasser und seine Allokationen entschieden wird. Auch eine interministerielle Wasserkommission sollte eingesetzt werden, aber das ist leider nicht mal in der westlichen Welt so.

derStandard.at: Wird Wasser wegen Wasserknappheit zum Blauen Gold?

Staudenmann: Wasser und Öl lassen sich nicht einfach ohne weiteres vergleichen, obwohl beides flüssig ist, eine Ressource, und im Nahen Osten vermeintlich zu Konflikten führt . Doch während Öl sehr ungleich verteilt ist, kommt Wasser im Grunde genommen fast überall vor. Auch ist die Förderung von Wasser vergleichsweise einfach. Daraus folgt, dass es sehr viel schwieriger ist, Wasser zu monopolisieren - man kann es nicht so einfach von der Bevölkerung fernhalten wie Öl. Auch den Wert von Wasser pro Liter kann man nicht mit dem des Öls vergleichen. Daher ist es wenig plausibel, dass sich ein paar wenige Großkonzerne global am gesamten Wasservorkommen festbeißen werden.

derStandard.at: Und Wasser als Ressource, die zu Konflikten oder gar Kriegen führt?

Staudenmann: Man muss gar keine Kriege heraufbeschwören: Die Wasserkrise existiert bereits, hat aber per se hat nichts mit Konflikt, vor allem nichts mit Krieg zu tun. Aber sie ist sicher virulent: pro Tag sterben 4.900 Kinder an wasserbedingten Krankheiten. Weltweit haben 1,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu gesichertem Wasser, das ist jede/r Sechste. Es handelt sich hier aber um einen Krise in Bezug auf Verteilung und Management.

Global gesehen gibt es genügend Wasser. Sicherlich ist es in manchen Gebieten eher knapp, wie im Nahen Osten, im Subsahara- Raum oder in der Sahelzone. Aber auch dort hat es in der Vergangenheit gute Anpassungsstrategien gegeben: die Menschheit hat sich über die Jahrtausende daran gewöhnt, mit zum Teil knappen Wasserressourcen zu wirtschaften. Es wird dann zum Problem, wenn man falsch damit umgeht, zum Beispiel durch wasserintensive Landwirtschaft. Das muss dann zwangsläufig zu Nutzungskonflikten führen.

derStandard.at: Wasser wird also nicht ins Zentrum von geostrategischen Überlegungen rücken?

Staudenmann: Es wird in Zukunft sicherlich zu mehr Konflikten kommen - auch wegen des Bevölkerungswachstums, aber vor allem weil die Ansprüche an das Wasser steigen. Zum Beispiel das Projekt des Illisu-Staudamms wird sicherlich zu Nutzungskonflikten führen, aber nicht zu Krieg oder militärischen Aktionen. Denn es liegt auch der Türkei daran, dieses Problem konstruktiv zu lösen. Generell werden Nutzungskonflikte weniger zwischen Staaten sondern mehr innerstaatlich und lokal ablaufen, wie zum Beispiel zwischen Stadt und Land, oder zwischen Großlandwirtschaft und Subsistenzwirtschaft.

Eine Studie hat zeigt, dass der letzte Krieg um Wasser vor viereinhalb Tausend Jahren am Euphrat und Tigris zwischen zwei Stadtstaaten stattfand. Seither gab es keinen Krieg um Wasser mehr. Das Forschungsprojekt hat rund 1.800 Vorfälle von Wasserkonflikten, in den vergangenen 60 Jahren studiert. Von den negativen Vorfällen gab es lediglich 37 mit echten gravierenden Auseinandersetzungen, davon 30 im Nahen Osten. Die meisten dieser Streitigkeiten fanden zwar zwischen Staaten statt, doch die Mehrzahl führte zu positiven Ergebnissen, wie beispielsweise zu Wasserkooperationen: Die Staaten fanden gemeinsam eine Lösung. Solche Wasserabkommen gibt es beispielsweise auch zwischen Israel und Jordanien sowie mit den Palästinensern. Und jene halten noch immer an, trotz all der anderen Konflikte und tatsächlichen Auseinandersetzungen. Wie gut sie eingehalten und umgesetzt werden, ist aber eine andere Frage.

Wasser hat seit der Antike immer schon sehr stark als Brücke zwischen den Staaten gewirkt. Oft dauert es 20 oder 30 Jahre bis eine Lösung gefunden wurde. Aber grundsätzlich weist diese Studie darauf hin, dass Wasser mehr verbündet, als es spaltet. (derStandard.at, 17.7.2007)

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    Über eine Milliarde Menschen haben keinen Zugang zu Trinkwasser, 8 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an verschmutzem Trinkwasser.

  • Zur PersonJürg Staudenmann ist Wasser- und Entwicklungsexperte sowie Mitarbeiter des UNO-Entwicklungsprogramms (UNDP) am regionalzentrum Bratislava.
    foto: derstandard.at/christa hager

    Zur Person
    Jürg Staudenmann ist Wasser- und Entwicklungsexperte sowie Mitarbeiter des UNO-Entwicklungsprogramms (UNDP) am regionalzentrum Bratislava.

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