Fluch der Rohstoffe

25. Juli 2007, 12:25
77 Postings

Afrika als der neue "Vorgarten" Chinas – Neue Realitäten erfordern neue Strategien im Kampf gegen Armut

„Afrika war seit jeher ein Objekt der Begierde - Beutekämpfe um Ressourcen sind kein gegenwärtiges Phänomen, sondern reichen ins 19. Jahrhundert zurück, als sich die Großmächte Europas den Kontinent unter sich aufteilten“, erklärte die österreichische Wissenschaftlerin Karin Kneissl im Rahmen der Sommerakademie Schlaining. Lange Zeit dominierte Europa die Wirtschaftspolitik in Afrika. Mittlerweile sind es besonders deren Konzern-Vertretungen , die sich „in Afrika mehr als in allen anderen rohstoffeichenen Ländern der Welt einmischen“. Besonderes Interesse gelte dem Erdöl- und Ergas, „um die hohe Abhängigkeit von den nahöstlichen Energieversorgung zu reduzieren, meint Kneissl. Neben neuen Vorkommen in Sao Tomé und Principe sind hierbei besonders der Sudan, Nigeria, Angola sowie Algerien und Libyen von Bedeutung.

Direkter Zugang zum Öl

Dass Afrikas Staaten für Ölkonzerne besonders attraktiv sind, liege vor allem an ihren schwachen staatlichen Strukturen, erklärt sie. Jene ermöglichten das eigentliche Geschäft: die Förderung unter Umgehung des Staates. In Europa selbst hätten große Konzerne wiederum das Sagen, wenn es um die Politik Afrikas vor Ort geht. "Stellvertretend für Großbritannien und die Niederlande dominieren in Nigeria BP und RoyalDutch/Shell", sagt Kneissl; die Ölfirma Total diene vor allem in Westafrika als verlängerter Arm Frankreichs. Daneben beherrschen besonders US-Konzerne wie Exxon in Algerien oder Angola das Geschehen. Doch im Wettlauf um den physischen Zugang zu Ressourcen, wie Erdöl und Ergas, hat sich nun auch die VR China hinzugesellt, die Afrika ganz offiziell auf dem Afrika-Gipfel 2006 in Peking zum Partner erklärt hatte.

„Neue Kolonialisierung“

Die VR China ist seit rund fünf Jahren der größte Investor und Entwicklungshilfegeber. Zwischen 2005 und 2006 machte der Anteil Chinas am Handelsvolumen rund 40 Prozent (55 Mrd. Dollar) aus, Chinas Anteil am afrikanischen Markt beträgt sieben Prozent, der der USA sechs Prozent.

„China sowie Malaysia, Taiwan oder Indien sind die Akteure einer neuen Kolonialisierung Afrikas. Sie müssen sich nicht in ,Corporate Social Responsability’ üben, ganz im Gegenteil“, erläutert Kneissl. Ein weiteres Kennzeichen der Afrikapolitik Asiens: im Gegensatz zu Europa, welches das Prinzip der „good governance“ predigt, mischen sie sich nicht in die internen Angelegenheiten der afrikanischen Staaten ein.

Arbeitsbedingungen

Die betroffene Bevölkerung sieht Chinas zunehmende Dominanz ambivalent, direkt Betroffene reagieren eher negativ, wie Kneissl am Beispiel Sambia zeigt. Neben den miserablen Arbeitsbedingungen in den chinesischen Kupferminen kommen rund 80.000 chinesische Arbeiter hinzu. „Die Afrikaner fragen sich zu Recht, ob Afrika nun auch die chinesische Arbeitslosigkeit lösen muss“, schildert die Wissenschaftlerin.

Ein Resultat dieses Wettkampfs um Afrikas Ressourcen: die bessere Wirtschaftsbilanz Afrikas aufgrund der gestiegenen Rohstoffpreise. Andererseits, betont sie, ist der Human Development Index im Sinken begriffen. „Afrikas Krise dauert an. In Afrika befinden sich die meisten der am wenigsten entwickelten Länder der Welt, die Milleniumsziele scheinen unerreichbar. Sie können zur Halbzeit als gescheitert betrachtet werden.“ Der Brain Drain, die Abwanderung von Fachkräften, stieg in den 1990ern von 4.000 auf 50.000 pro Jahr an und mehr als 60 Prozent aller HIV-Positiven weltweit leben in Afrika. Auch der neue Partner Afrikas, China, werde nichts an dieser schwierigen Situation ändern, so Kneissl.

Wege aus der Krise

Mögliche Auswege, wie die von der EU als zukunftsweisend bezeichnenden Biotreibstoffe, sind ihrer Ansicht nach keine Lösung. Denn der Energieaufwand dafür sei exorbitant, hinzu komme der damit verbunden hohe Verbrauch von Wasser und Düngemitteln. Man müsse vielmehr die Entwicklungszusammenarbeit (EZA) überdenken, „denn eine länderspezifische Schwerpunktsetzung, wie sie zum Beispiel Österreich praktiziert, kann autoritäre Strukturen verfestigen.“

Protektionismus der EU

Dass die EZA von Erhalt und Förderung der Interessen westlicher Unternehmen geprägt ist, sei ebenfalls nicht Ziel führend. Zudem sei wichtig, über die EZA hinaus neue Maßstäbe des internationalen Handels und Wirtschaftens zu setzen, wie zum Beispiel neue Menschenrechts- und Umweltstandards oder auch die Neuaufnahme der WTO-Verhandlungen – „aber ohne Protektionismus“, wie Kneissl hinzufügt. Afrikanische Produkte bräuchten mehr Zugang zu den internationalen Märkten, der Norden dürfe sich nicht so sehr abschotten.

Was die Zukunft des Kontinents betrifft, so zeichnet sie insgesamt ein sehr düsteres Bild. „Diese Forderungen sind nur schwer durchführbar, denn sie laufen den Interessen der ,Geberländer’ und Industrienationen zuwider.“ Ein Ende dieser Unterordnung, wie möglicherweise in Lateinamerika, sei daher nicht in Sicht, nicht zuletzt auf Grund der strukturellen Schwäche der Staaten Afrikas. (red, derStandard.at, 15.7.2007)

  • Dr. Karin Kneissl ist Journalistin, Nahostexpertin und unterrrichtet unter anderem an der Diplomatischen Akademie in Wien.
    foto: derstandard.at/christa hager

    Dr. Karin Kneissl ist Journalistin, Nahostexpertin und unterrrichtet unter anderem an der Diplomatischen Akademie in Wien.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Während der Tagung der Afrikansichen Entwicklungsbank in Shanghai, im Mai 2007.

Share if you care.