Harry Potter - Die Bücher des Schreckens

25. Oktober 2007, 15:57
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Das Phänomen Harry Potter hat auch den Buchmarkt verhext - wie wird es jedoch weitergehen, wenn die Zauberstory tatsächlich ans Ende gekommen ist? Anmerkungen über eine neue Lese- und Vertriebskultur

Schon als die fünfte, jetzt eben in den Kinos gestartete Episode "Harry Potter und der Orden des Phoenix" erschien, seufzte ein deutscher Buchhändler laut auf: "Wir werden es noch schaffen, bei diesem größten Knüller aller Zeiten Geld zu verlieren!" Er meinte, dass viele, vor allem kleinere Buchhändler, all der Millionen verkauften Bücher zum Trotz, am Ende eher Löcher in den Hosensäcken haben würden - und hatte wohl Recht.

Aber wie geht das, beim größten Geschäft seiner Zunft am Ende blank dazustehen? Ein aufs Erste vielleicht gewagt wirkender Vergleich kommt in den Sinn: nämlich der mit dem Platzen der Internet-Spekulationsblase, als sich um 2001 die Geschäfte Schwindel erregend hochgeschraubt hatten, jeder, der einigermaßen bei Vernunft war wusste, dass diese himmelsstürmende Kurve auch wieder jäh runterkommen musste - und am Ende doch viele auf ihre Konten starrten und bestürzt die Verluste abzählten.

Damals war bald klar, dass es gewaltige Verluste, aber auch Gewinner gab - vor allem aber, dass all die Dinge, die irgendwie mit Medien, Information, Kommunikation, mit der "Globalisierung", kurzum mit wichtigen Aspekten des täglichen Lebens zu tun hatten, nie mehr sein würden wie zuvor. Wir wissen aber auch, zumindest heute, dass dies nicht das Ende aller guten Dinge war.

Wenn nun, mit Erscheinen des siebenten Bandes von Harry Potter (unter Kennern abgekürzt als HP7) die Zauberstory erst einmal ans Ende gekommen sein wird, wird danach alles, was mit Büchern und mit Lesen zu tun hat, nie mehr sein wie bisher. Doch das ist nicht das Ende des Lesens oder der Bücher.

Von den Zillionen Moneten, die HP1-7 wert ist und einbringt, verdienen die Autorin, ihr Originalverlag Bloomsbury, viele Marketingberater, die Grossisten und noch ein paar andere Leute unter Garantie.

Gefahr beim Roulette

Beim Buchhändler um die Ecke ist das schon nicht mehr so sicher, denn HP7 besorgen sich Kunden oft lieber gleich auf Englisch oder im Kaufhaus; und da gibt es eine Rabattschlacht, in die selbst die Großen des Handels mit knappsten Margen und immensem Werbeaufwand hineingehen müssen, sodass die möglichen Gewinne mit höchstem Risiko verbunden sind. Die hohen Einstiegskosten für Lizenzen im Merchandising oder für Übersetzungen produzieren eine ähnliche Balance des Schreckens zwischen Spielgewinn und Absturz wie beim Roulette.

Bei uns Lesern wird es noch komplizierter. Wir katapultieren nicht nur HP7 bei Erscheinen der englischen Ausgabe schon an die Spitze der sonst deutschsprachigen Charts - es gibt weltweit bereits 1,6 Mio. Vorbestellungen bei Amazon! Wir haben uns angewöhnt, immer häufiger auch bei weniger gängigen Büchern nach der Originalausgabe zu fragen, oder ein paar Wochen zu warten und das Buch dann aus zweiter Hand, zum halben Preis zu besorgen. In solch einer turbulenten Welt mit Büchern zu handeln bringt kein leicht verdientes Brot. Dabei meinen wir in unserem kulturellen Unterbewusstsein, Bücher stünden für kulturelle Stabilität und Wissen (oder wertvolle Unterhaltung)!

Launisches Publikum

Der Quantensprung an Aufmerksamkeit, den HP1-7 auf sich zog, ist ähnlich wie der von Google, wenn es ums alltägliche Suchen nach Informationen geht. HP1-7 ist oft nur noch ein Symbol, für Verwertungspipelines entworfen und gebaut, die nun nach anderen Inhalten schreien.

Die Vorstellung aber, ein Verlag - Bloomsbury, oder ein anderer - wollte nun "nach dem nächsten Harry Potter suchen" ist natürlich Unfug. YouTube oder MySpace waren kein 'zweites Google', sondern wurden von Google bzw. dem konservativsten, wenngleich wachsten Gralshüter der alten Medien (TV und Zeitung!) Rupert Murdoch gekauft. Zugleich stehen You- Tube und MySpace für den radikalen Wandel, wie wir Publikum Medien heute nutzen: launisch und schwer berechenbar.

Die Globalisierung plus Digitalisierung befördert jedoch, neben den Blockbusters à la HP1-7, auch die Allzugänglichkeit - plus die neue, flexible Neugierde von vielen unter uns, die wir vielleicht mehr lesen als je zuvor, aber bunt gemischt Mangas, Fred Vargas und Daniel Kehlmann oder den neuen Jáchym Topol, à la carte, durcheinander und unkalkulierbar. Wenn HP1-7 so viel Aufmerksamkeit und Platz beansprucht und auch noch, von Games bis Wellness, so viele andere Ange-bote unsere Berufs- wie Freizeitaufmerksamkeit ködern, bleibt für 'den Rest' immer weniger Platz und ein immer knapperes Kundenbudget.

Auch ein Neubeginn

Aber das ist nicht das Ende, sondern mehr noch ein Neubeginn: Als der britische Verlag Bloomsbury vor rund elf Jahren das zuvor von zahlreichen Verlagen abgelehnte Manuskript von JK Rowling - mit sehr moderaten Erfolgserwartungen - annahm, bewarb sich ein kleiner Verlags aus Vancouver namens "Raincoast" um die (Vertriebs-)Rechte für Kanada und orderte zunächst einmal 400 Exemplare.

Bislang wurden rund zehn Millionen HP-Bücher in Kanada allein verkauft - und Raincoast wuchs erfreulich. Nach dem "neuen Harry Potter" sucht Raincoast-Marketingchef Jamie Broadhurst allerdings nicht. Stattdessen baute er das Vertriebsnetz des anfangs sehr kleinen Unternehmens im flächenmäßig unendlich großen, dünn besiedelten Kanada kräftig aus. Heute, erzählt Broadhurst stolz, könne man von Vancouver an der Pazifikküste Bücher oft schneller nach Toronto im Osten liefern als mancher dort ansässige Konkurrent.

Raincoast rückte schlicht radikal an sein Publikum heran. Keine Story könnte deshalb besser illustrieren, dass mittlerweile die schwierigen Vorlieben des Internet-Publikums auch dort gelten, wo, ganz traditionell, eine Seite nach der anderen umgeblättert wird. Nichts ist mehr, wie es einmal war. (Rüdiger Wischenbart, DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.07.2007)

Rüdiger Wischenbart ist Berater und Journalist mit dem Arbeitsschwerpunkt Buchkultur und internatio-nale Buchmärkte. In seinem Blog kommentiert er aktu- elle Entwicklungen unter www.booklab.info.
  • Blick in die Zauberkugel - welche Zukunft sieht Harry Potter für seine Leser?
    foto: warner

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