"Sei Realist und fordere das Unmögliche"

20. Juli 2007, 13:43
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Günter Wallraff in Callcenter und Moschee - Auch Türke war er schon: Als Ali Sinirlioglu schrubbte er Klosettschüsseln bei McDonald's und schuftete auf dem Bau

Köln - Nun plant der Mann der bei BILD Hans Esser war und als Ali Ganz unten, die Rückkehr in die Moschee. Offiziell und unter eigenem Namen: Als Günter Wallraff.

Nicht, um sich gegen Mekka zu verneigen und zu beten allerdings. Günter Wallraff nimmt die interkulturelle Dialogbereitschaft, die ein Vertreter des türkisch-muslimischen Kulturvereins Ditib in Köln bei einem gemeinsamen Radio-Interview im Deutschlandfunk bekundete, ernst: Und schlug ihm daher vor, in der Moschee aus Salman Rushdies Satanischen Versen zu lesen. Eine Antwort des Kulturvereins steht noch aus. Er müsse den Vorstand fragen, gab sich sein islamischer Gesprächspartner vorsichtig zurückhaltend.

Für Günter Wallraff, der populistischen Floskeln von Repräsentanten aller Art seit Jahrzehnten zu misstrauen lehrt, ist sein listiges Angebot ein "Lackmustest". Der Ditib-Vertreter hatte ihn im Vorfeld gebeten, Mitglied zu werden im Beirat der geplanten Moschee in Wallraffs Wohnviertel Köln-Ehrenfeld, der größten Deutschlands, sollte sie gebaut werden. Dieser aber will sich nicht als "nützlicher Idiot", als prominente "Galionsfigur und Abnicker" gebrauchen lassen - sondern tatsächlich etwas bewegen. Zur Not unter Polizeischutz.

Zum zweiten Mal binnen einer Woche war Günter Wallraff mit seinem provokanten Vorschlag im Zentrum medialer Aufmerksamkeit. In der vergangenen Woche nämlich hatte die Hamburger Zeit ihr neuestes Produkt, das Magazin Leben, mit einer Titelgeschichte aus der Feder Günter Wallraffs aus der Taufe gehoben: Deutschlands schnurrbärtige Verkörperung des investigativen Journalismus hatte sich einmal mehr eine Perücke aufs Haupt und Kontaktlinsen vor die Pupille gesetzt, sich um 15 Jahre verjüngt - Alter 49 Jahre statt der realen 64 - und berichtete aus der "neuen deutschen Arbeitswelt, in der nichts mehr qualmt und rußt wie einst in Fabriken und in Zechen, sondern die staubfrei hinter Stahl und Glas versteckt ist" - aus dem Callcenter.

Dort rief er, wie 400.000 andere Beschäftigte der Branche, ungebeten Mitbürger an, um ihnen Systemlotto-Scheine zu verkaufen - oder Wirten eine überteuerte Ausgabe des Jugendschutz-Gesetzes.

Die Frage, die ihn nicht losließ: "Welche Auswirkungen hat eine solche Arbeit auf die Beschäftigten?" Keine Frage hingegen: Günter Wallraff ist zurück. Und weigert sich auch im 21. Jahrhundert, die deformierende Gewalt der Zustände klaglos hinzunehmen. Weitere Reportagen kündigte das Zeit magazin Leben an. Ein Gutmensch? Auch dieser Begriff komme aus einer klar benennbaren gesellschaftlichen Ecke. Sagt Wallraff. Und hat, wie so oft, den Durchblick. (Cornelia Niedermeier, DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.07.2007)

  • Das Original, fotografiert für die "Zeit" und die Fälschung: schnurrbartlos.
    foto: die zeit

    Das Original, fotografiert für die "Zeit" und die Fälschung: schnurrbartlos.

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