Willy-Brandt-Zentrum vor Aus

30. Juli 2007, 14:42
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Institut des Deutschen Akademischen Austauschdienst in Breslau (Wroclaw) soll geschlossen werden

Ein neuer Tiefschlag in den deutsch-polnischen Beziehungen: In Breslau soll ein Forschungsinstitut geschlossen werden, weil es „zu schlecht“ sei. Inoffiziell heißt es, die Mitarbeiter des Zentrums seien „zu deutschfreundlich“.

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Das Willy Brandt-Zentrum in Breslau (Wroclaw) steht vor dem Aus. Die Universität will das deutsch-polnische Forschungsinstitut schließen, da es „zu schlecht“ sei. Im Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Bonn herrscht Fassungslosigkeit. Dieser finanziert das Zentrum mit jährlich rund 250.000 Euro. „Wir haben das Forschungsinstitut doch erst vor fünf Jahren gegründet. Die Uni Breslau hat die Ausschreibung gewonnen. Sie hatte das beste Konzept, die besten Leute. Und jetzt das Aus?“, fragt Hans Golombek konsterniert. Golombek gehört zu den Gründervätern des deutsch-polnischen Instituts. Vor fünf Jahren waren die damaligen Regierungschefs Gerhard Schröder und Leszek Miller zur Einweihung nach Breslau gekommen. Hoch und heilig versprachen sich damals allen Beteiligten „Partnerschaft“ und „Zusammenarbeit“.

Eine Million Euro im Sand

Davon ist nichts geblieben. „Wortbruch“ wirft der Prorektor Krzysztof Nawotka dem DAAD vor. „Transparenz“ hingegen fordert Christian Bode, der DAAD-Generalsekretär. Die Lage scheint verfahren. Ende September laufen die Verträge der Wissenschaftler aus. Sollte die Universität sie nicht doch noch zumindest für ein Jahr verlängern, hat der DAAD eine Investitionssumme von über einer Million Euro in den Sand gesetzt.

„Angefangen hat der ganze Ärger vor knapp zwei Jahren“, erläutert Krzysztof Ruchniewicz, der Gründungsdirektor des Zentrums. „Damals kam ein neuer Rektor ins Amt, ein Informatiker, der mit Geisteswissenschaftlern bisher nicht viel zu tun hatte.“ Seine rechte Hand wurde daher der Historiker Krzysztof Nawotka, der im selben Historischen Institut wie zuvor Ruchniewicz arbeitete.

Nawotka ist bis heute als Prorektor für die Kontakte zum DAAD zuständig. Er sagt: „Ich habe von Anfang an gemerkt, dass das Willy-Brandt-Zentrum unter der Führung von Ruchniewicz schlecht arbeitet und das überall gemeldet, beim Rektor, beim Universitätssenat, beim DAAD.“ Aber erst jetzt habe die Evaluierungskommission seine Bedenken offiziell bestätigt. „Das Urteil ist vernichtend!“ Die Experten hätten festgestellt, dass die Forschungen am Institut „chaotisch“ seien und sich allein auf Schlesien beschränkten, so Nawotka. In Warschau wundert sich der renommierte Historiker Wlodzimierz Borodziej, der zu den vier Prüfern gehörte: „Wieso vernichtendes Urteil? Ruchniewicz hat das Institut gegen viele Widrigkeiten aufgebaut. Es funktioniert. Wir haben empfohlen, das Institut fortzuführen, ihm aber ein klareres Profil zu geben.“ Auch Gesine Schwan, die Regierungsbeauftragte für deutsch-polnische Beziehungen und Rektorin der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, wundert sich. „Nach fünf Jahren Aufbauarbeit macht man kein Institut dicht. Das ist Geldverschwendung. Oder es steckt etwas anderes dahinter.“

Auch die massive Kritik eines deutschen Mitarbeiters am Brandt-Zentrum diente den Rektoren als Grund für ihre Liquidierungspolitik. Ruchniewicz und seine Mitarbeiter gelten an der Uni als zu deutschfreundlich und zu DAAD-nah. Der Prorektor verschickte erste Kündigungen. „Wir sind bereit, über Reformen zu sprechen“, sagt Golombek. „Aber wenn der Rektor allen Mitarbeitern kündigt und keine neue Stellenausschreibung für die Wissenschaftler macht, werden wir diese ,Reform’ mit Sicherheit nicht mittragen. Dafür ist uns unser Geld zu schade.“

Nachdem in Polens Öffentlichkeit erste Kritik an der drohenden Schließung des Zentrums laut wurde, macht Rektor Leszek Pacholski nun einen vorsichtigen Rückzieher. „Ich bin bereit, die Kündigung zurückzuziehen“, sagt er neuerdings. „Wir möchten an unserer Uni so ein Schmuckstück wie das Willy-Brandt-Zentrum nicht missen.“ (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.7.2007)

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    Nach der „Kartoffelaffäre“ vergangenen Herbst und den Auseinandersetzungen beim EU-Gipfel, gibt es neues Mißvergnügen zwischen Berlin und Warschau.

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