Einsamer Sturz

24. Juli 2007, 13:51
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Don DeLillo hat mit "Falling Man" den bis dato reflektiertesten 9/11-Roman geschrieben - Er fokussiert auf die Zeit nach der Katastrophe

Wien - Der Mann trägt Anzug und Aktenkoffer. Er befindet sich auf dem Weg vom World Trade Center nach Hause. Sein Gesicht ist von Glassplittern übersät. Später wird er sein Apartment an Ground Zero noch einmal aufsuchen und ungläubig "Ich stehe hier" stammeln. Regieanweisung: "In der Filmversion würden sich noch andere Menschen im Gebäude befinden, eine psychisch kranke Frau oder ein obdachloser alter Mann, und es würde Dialog und Nahaufnahmen geben."

Wieder etwas später wird ein Arzt dem Mann von einem merkwürdigen Phänomen erzählen, das nach Selbstmord-attentaten beobachtet werden könne. Die Körper der Attentäter, sagt der Mediziner, würden mit einer derartigen Wucht in Einzelteile zerfetzt und durch die Luft geschleudert werden, dass manchmal Splitter in nahe an der Explosion stehende Personen eindrängen. Mitunter würden Monate später bei Untersuchungen von Überlebenden Beulen festgestellt, die von "organischen Schrapnells" herrührten. Nachsatz: "Can you believe it?"

Ist es zu fassen?

Ist es zu fassen? Don DeLillo hat Ernst gemacht und mit Falling Man seinen Roman über 9/11 und (vor allem) die Folgen davon geschrieben. Ein leises, für den Autor des großen amerikanischen Romans Underworld (1997) schmales Buch, das eine New Yorker Familie in der Zeit nach 9/11 beobachtet.

DeLillo geht es weniger um Terror an sich. Das nicht nur vom Umfang her dünne Kapitel über einen der Flugzeugentführer ist das mit Abstand schwächste des Buches und fällt weit hinter DeLillos brillante Terrorismus-Meditation Mao II (1991) zurück. Falling Man handelt vielmehr davon, wie die Menschen mit 9/11 fertig werden.

Der 70-jährige DeLillo, der in den zehn Jahren seit Underworld kleinere Romane und Stücke publiziert hat, geht ein beträchtliches Risiko ein. Nicht allein, dass die Anschläge auf die Twin Towers nach wie vor offene Wunden im amerikanischen Bewusstsein darstellen, betritt er mit diesem Text auch als Autor Neuland. Bislang betrachtete er in Romanen wie White Noise (1985) die USA bevorzugt als eine simulierte Supermarkt-Welt, in der die Unterscheidung zwischen Original und künstlichen Reproduktionen unmöglich geworden ist, ja in der das Künstliche oft echter erscheint als the real thing - perfekter sowieso. Und so wirkten auch die Katastrophen, die DeLillo in Romanen wie Players (1977) oder White Noise erfand, verdammt echt.

Nun aber ist den USA als Pars pro Toto der westlichen Welt tatsächlich eine Katastrophe widerfahren, deren Schrecken sich beileibe nicht in Fernsehbildern erschöpfte, sondern die die Grundfesten des Lebens erschütterte und die Wahrnehmung der Menschen veränderte. Man kann 9/11 auch so sehen: Unser Sinn für die Wirklichkeit hat dadurch ein unerwartetes Comeback erlebt.

Verwundbarkeit

Es geht in diesem Roman um Verwundbarkeit und Verlust. Und es geht um die Leere, die sich in einer egomanischen, gegenwartsfixierten Gesellschaft, die verlernt hat, sich zu erinnern und gemeinsam Schmerz zu bewältigen, in einem Szenario wie jenem nach 9/11 unweigerlich einstellen muss. Bezeichnenderweise passieren in einer Gesprächsgruppe von Alzheimer-Patienten noch die ernsthaftesten Versuche, sich über das Geschehene auszutauschen.

Die Aufarbeitungsversuche des eingangs beobachteten Geschäftsmanns dagegen sind einsame Anstrengungen. Sein erster Weg führt ihn zwar zurück zu Frau und Kind, die er vor 9/11 bereits verlassen hatte. Doch er befindet sich nur auf der Durchreise. Unfähig, zu kommunizieren, zieht er sich schließlich in die Welt des Pokerspiels zurück und betäubt sich in falschen Glücksspielparadiesen, in denen künstliche Wasserfälle 24 Stunden pro Tag sprudeln und die künstliche Sonne immer scheint.

Frau und Kind stehen am Ende wieder verlassen da. "Sie waren bereit, allein zu sein, in bewährter Ruhe, wie sie es zuvor gewesen waren, bevor die Flugzeuge an diesem Tag am Himmel auftauchten." Moderne Menschen leben allein, und nach 9/11 ist fast wie vor 9/11.

Die Bilder der Katastrophe aber haben sich tief ins Gedächtnis eingebrannt. Der Fotograf Richard Drew hat unter dem Titel "The Falling Man" eine in den USA viel beachtete Bilderserie von einem jener 9/11-Opfer geschossen, die lieber in den sicheren Tod sprangen, als qualvoll zu verbrennen.

Fallende Männer DeLillo macht daraus ei- nen Performance-Künstler namens "Falling Man", der in der Zeit nach 9/11, von fast nicht sichtbaren Seilen geschützt, von New Yorker Gebäuden baumelt: "Der einzelne Fallende, der eine kollektive Angst hinter sich her zieht." Diese Angst - und mit ihr der Roman - setzt in dem Moment ein, in dem der erste Turm einstürzt.

DeLillos Text ist, wie wäre es bei einem so brisanten Thema auch anders möglich, in den USA kontrovers rezipiert worden. Die meisten Rezensenten stimmen in ihrer Begeisterung über seine Schilderungen des Schreckens und der Leere nach 9/11 überein. Allerdings bemäkeln manche, dass das Buch zu verhalten und stilistisch eher schlicht ausgefallen sei.

In der Tat fällt auf, dass der in früheren Romanen von Systemen und Welterklärungsmodellen richtig gehend besessene Autor in dem neuen Werk von großen Konzepten tunlichst Abstand hält. 9/11 erklären kann und will Falling Man nicht. Eher liest es sich an manchen Stellen wie ein Buch über die Schwierigkeit, ein Buch über 9/11 zu schreiben.

Die Wirklichkeit, sie hat jetzt sogar Don DeLillo eingeholt. Von hier an heißt es weiterwursteln. (Sebastian Fasthuber, DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.07.2007)

Don DeLillo: Falling Man. A Novel. 14,99 € / 246 Seiten. Scribner, New York 2007. (Die deutsche Übersetzung von Frank Heibert erscheint im Oktober im Verlag Kiepenheuer & Witsch.)
  • "The Falling Man": Todessturz, fotografiert von Richard Drew.
    foto: richard drew

    "The Falling Man": Todessturz, fotografiert von Richard Drew.

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