Erste Wahl aus zweiter Hand

21. September 2007, 17:44
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Wien zählt rund 60 Secondhandtextilläden - Die Kunden kommen aus allen Einkommens- schichten - Eine Reportage

Wien zählt rund 60 Secondhandtextilläden. Die Kunden kommen aus allen Einkommensschichten. Doch Diskonter und der Internet-Verkauf setzen der kleinen Branche zu. Wer überleben will, braucht Exklusives. Billig allein reicht nicht mehr.

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Es ist ein Meer aus Farbtupfen. Grüne Cocktailkleider kokettieren mit geblümten Badeanzügen und Lederstiefeln, von der Decke baumeln bunte Krawatten. "So eine Stoffqualität - die gibt es heutzutage ja gar nicht mehr." Brigitte B. tastet einen Mantel ab, der gut 30 Jahre auf dem Buckel hat.

Sie verkauft Secondhandware in einer von acht Wiener Humana-Filialen. Der karitative Verein sammelt Altkleider und bringt sie in slowakischen Sortierwerken ins Reine. Unter ihren Kunden sind - neben vielen Studenten - Fotografen und Schauspieler, sagt Frau B. "Hugo Boss oder Trachten in der Innenstadt kann sich ja keiner leisten." Die Nachfrage sei hoch, Humana komme mit dem Liefern kaum nach, meint ihre Chefin Helle Christensen.

Viel Liebhaberei

Wer im Secondhandhandel bestehen will, muss jedoch mit allen Wassern gewaschen sein. Billigketten und der Verkauf übers Internet setzen der Branche hart zu, sagt Christensen. "Wir mussten lernen, damit umzugehen." Humana renovierte ihre Läden und spezialisierte sich: In einem Shop gibt's Retro-Mode, in anderen Dirndln und Kinderkleidung.

Auch Elisabeth Lechner ist Spezialistin für Kinder, ihre Filiale in Döbling kaum von herkömmlichen Boutiquen zu unterscheiden. Sie wollte sich schon vor 20 Jahren mit Secondhand für Kinder selbstständig machen, sagt sie. Vor einigen Jahren habe es dann geklappt, verbunden mit viel Liebhaberei. "Ich habe dafür einen gut bezahlten Job aufgegeben und arbeite heute doppelt so viel für gleiches Geld. Dafür macht es mir Spaß."

Zwei Drittel des Sortiments sei Markenware, sie akzeptiere nur Sauberes und Gebügeltes, ohne Löcher und mit allen Knöpfen. Damit lasse sich bis zur Hälfte des Neupreises erzielen, sagt Lechner. Was nach rund drei Monaten nicht über den Ladentisch gegangen ist, erhält der frühere Besitzer zurück. Bei einem Verkauf werden die Einnahmen geteilt.

Dass manche "Lieferanten" bei der Angabe des Neupreises flunkern, ärgert Lechner. "Ich weiß ja Bescheid, wie viel die Marken wirklich kosten."

Branche sehr agil

Kollegin Aleksandra Pachel betreibt seit 1998 den Secondhandladen Jacobi in Alsergrund. Sie habe ihre ganzen Ersparnisse in das Geschäft gesteckt, sagt die gebürtige Polin, die Auslagen hat sie liebevoll geschmückt. Bezeichnen Kunden ihre Kinderware als alt, kränkt sie das. "Sie ist nur gebraucht, oft kaum getragen." Etwas wegzuwerfen, falle ihr schwer. So reinigt, bügelt und näht Pachel was ihr die meist noble Kundschaft in Kommission gibt. Freizeit bleibe ihr kaum, und der Verkaufserlös reiche zum Leben nicht ganz aus, sagt sie. Aber der kleine Laden sei ihr Hobby und ein gutes Zubrot.

In Dänemark hat fast jede Provinzstadt ihren eigenen Secondhandladen. Österreich ist davon weit entfernt - die Branche aber dennoch agil. Allein in Wien rennen 50 bis 60 Händler ums gebrauchte Leiberl, schätzt die Wirtschaftskammer. Welchen Anteil des eine Mrd. Euro großen Wiener Textilgeschäfts sie sich holen, ist nicht erhoben. Für Handelsobmann Fritz Aichinger steht jedoch fest: Spezialisten und Anbieter von Exklusivem setzen sich durch.

Wer nur Billiges suche, sei bei Diskontern besser aufgehoben, sagt Gerti Wurzer. Die Chefin von Jil & Giorgio verkauft nur Designware. Ihre Erfahrung: "Je mehr Geld die Leute haben, desto weniger schmeißen sie weg." Selbst wer es finanziell nicht notwendig habe, bringe gern Getragenes vorbei. "Aber auch meine Kunden kommen aus allen Einkommensschichten."

Secondhand als Lebensstil

Eine junge Kundin durchforstet bei ihr mit flinken Fingern die Kleiderständer. "Ich leiste mir hier Dinge, die ich mir sonst nicht leisten könnte", sagt sie und lacht. Die Soziologin Elisabeth Simbürger sieht Secondhand als Lebensstil. "Es ist chic, nicht von der Stange zu kaufen." Der Aufwand, um was Passendes zu finden, sei allerdings höher.

"Neue Kunden finden sich nicht gleich zurecht. Aber von Ramschläden sind wir weit entfernt", sagt Irene Gottlieb, Händlerin in Döbling. "Ist unsere Kleidung einmal nicht tipptopp, ist der Ruf dahin." Auch Männer seien regelmäßig auf der Suche nach Schnäppchen. Besonders beliebt: Schuhe. "Denn die müssen nicht mehr eingegangen werden."

Häufiger als die Gebrauchtwarenläden prägen aber Altkleider-Container das Wiener Stadtbild. Dutzende Organisationen, von Caritas über Grünes Kreuz, Kolping bis zu Humana und der Volkshilfe, sammeln die Textilien. Doch die Qualität der Ware nimmt ab, die Sortierkosten steigen.

Die Volkshilfe Box unterstützt mit der Kleidersammlung Arbeitsplätze für Behinderte. Ein Zehntel der Ware landet gleich im Müll. "Mit löchrigen Gummistiefeln können wir wenig anfangen", sagt Volkshilfe-Box-Leiterin Monika Jelinek. 70-Prozent gehen an Großhändler, ein Fünftel in eigene Läden. Auch hier seien die Kunden bunt gemischt. "Sie reichen von der Arbeiterin bis zur Hofratsgattin." (Verena Kainrath/DE RSTANDARD; Printausgabe, 14./15.7.2007)

  • Nicht alt, nur gebraucht: Secondhand-läden erleben eine steigende Nachfrage - vorausgesetzt, Marke und Design stimmen.
    foto: standard/urban

    Nicht alt, nur gebraucht: Secondhand-läden erleben eine steigende Nachfrage - vorausgesetzt, Marke und Design stimmen.

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