Dieses Gefühl, dass es das schon war

20. Juli 2007, 13:43
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Mit Jens Friebe durch die Höhen des Nachtlebens, mit Kolja Mensing durch die Niederungen des Alltags

Die Blog-Kultur hat das Format des Tagebuchs fraglos wiederbelebt. Jeder kann seinen Alltag nun einer Öffentlichkeit zugängig machen, und dabei bleibt der Alltag meist auch so, wie er eben ist: uninteressant. Jens Friebe, Popmusiker, Journalist und Autor aus Berlin, hat in seinen zuerst als Blog, nunmehr als formidables Taschenbuch veröffentlichten Texten von Anfang an eine Klammer eingefügt: Er beschränkt sich auf jene Tage, die gemeinhin als solche des Müßiggangs gelten – das Wochenende, das man ja weniger mit Arbeit als unter Menschen verbringt.

52 Wochenenden – Texte zum Durchmachen umfasst ein ganzes Jahr, wobei schnell klar wird, dass es sich weder um Aufzeichnungen reiner Freizeitaktivitäten handelt noch um solche, die sich akribisch an den mehr oder weniger engen Rahmen der so genannten Realität halten. Das liegt zum einen daran, dass Friebe an Wochenenden zwar unter Menschen kommt, diese dabei aber nicht selten unterhalten muss. Als Teil der Berliner Kulturszene, besonders oft im Umfeld der Band Britta und ihrer schnoddrigen Sängerin Christiane Rösinger, ist der Musiker an vielen Nächten gebucht – sei es, dass er sich mit Band gerade durchs deutsche Niemandsland zieht oder Gastauftritte bei Vernissagen von Freunden wie Dietmar Dath absolviert.

Die vielfältigen sozialen Anlässe werden aber nicht im Modus der Wahrhaftigkeit als Erfahrungsberichte wiedergegeben; vielmehr betrachtet sie Friebe als Gelegenheiten, im Zufälligen nächtlicher Begebenheiten auch allgemein-menschliche Einsichten zu gewinnen. Sehr schön ist etwa die Episode, in der der Autor über die Möglichkeit von Zeitreisen spekuliert und dabei auf gerade mal zweieinhalb Seiten etliche Paradoxa streift, ohne den Schauplatz des White Trash, eines Berliner Clubs, zu verlassen, in dem er sich selbst nicht zu begegnen versucht. Friebes sprunghaft-assoziatives Schreiben lässt die Gedanken rotieren – seine sprachliche Wendigkeit erinnert ein wenig an die Tagebuch-Filme des Hamburgers Jan Peters – und überrascht immer wieder mit unorthodoxen Ansichten und Einsichten über so unterschiedliche Themen wie Fan-Verhalten, die Gleichförmigkeit von Konzerterfahrungen, Theaterüberdruss oder Fieberträume.

Die lose Form, in der Zusammenhänge eher durch Koinzidenzen entstehen, erlaubt es, dass sich durch offenbar ephemere Geschehnisse hindurch ein Zeitbild erstellt, das gerade in seiner Vielgestaltigkeit der Existenzweise dieses „ungeregelt Lebenden“ gerecht wird – ein Protokoll geistigen Nomadisierens. Diese Offenheit der Form verbindet Friebes Buch mit dem Kolja Mensings, eines weiteren Berliner Autors, in dem keine Geschichte viel länger als sechs Seiten ist, man am Ende aber dennoch den Eindruck gewinnt, eine – im Vergleich weit melancholischere – Momentaufnahme von Menschen in der Mitte ihres Lebens erfahren zu haben. Mensing, der 2002 mit dem biografischen Buch Wie komme ich hier raus? Aufwachsen in der Provinz bekannt wurde, entwirft in Minibar erzählerische Miniaturen, in denen sich Zustände im Leben seiner Figuren verfestigen, Möglichkeiten, die gerade noch offen schienen, plötzlich schließen und die Erkenntnis über Vergänglichkeiten meist still hingenommen wird.

Sein sachlich-schnörkelloser Stil, der sich meist mit Beschreibungen begnügt, fasst Mensch und Umwelt wie in Stillleben ein, in denen das Grauen eher einer Beiläufigkeit entsteigt – dem Umstand, dass alles irgendwie immer weiter geht. Katastrophe in Permanenz sozusagen: ein Mann, der jeden Tag mit dem Zug nach Hause fährt, bis dieser einmal ins Stocken gerät, weil ein Mädchen überfahren wurde; ein anderer, der auf einer seiner Dienstreisen eine Frau kennen lernt, der Moment, in dem etwas zwischen den beiden passieren könnte, allerdings ungenützt verstreicht; oder ein Paar von ungleichem Alter, das sich im Urlaub traurige Geschichten erzählt und keine Fotos von sich anfertigt – und dabei bald einmal klar wird, dass es für die beiden keine Zukunft gibt.

Mensing gelingt es in seinen lakonischen Geschichten immer wieder, Momente von großer Eindringlichkeit zu erschaffen. Anstatt sie an dramaturgische Höhepunkte heranzuführen, _„fadet“ er sanft aus ihnen heraus, wie in jener kurzen Erzählung, in der zwei Freunde merken, dass sie sich nicht mehr viel zu sagen haben: „Zum ersten Mal begann ich zu ahnen, wie ein Leben aussieht, das nur noch aus Erinnerungen besteht." (Dominik Kamalzadeh, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.07.2007)

Jens Friebe, „52 Wochenenden. Texte zum Durchmachen", €,20/188 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007
Kolja Mensing, „Minibar“. € 13,40/126 Seiten, Verbrecher Verlag, Berlin 2007.
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    cover: kiepenheuer & witsch
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