Pinocchio ist ein anderer

20. Juli 2007, 13:43
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Die wunderbare Zeichenpoesie des Matthias Griebler: Eine lange Nase in einem Holzschnittgesicht – die Geschichte ist bekannt

Sie trägt einen Namen, der ebenso als Sinnbildsignal wirkt wie die Physiognomie, die zwar aus dem Unbelebten das Belebte macht, jedoch mit der Lügennase weiter ins Irreale wächst: Pinocchio. Beweglichkeit und Wandel, allerlei Verbindungen und wunderbar wunderliche Verwandlungen führt nun der geniale Künstler Matthias Griebler vor Augen.

Pinocchio, aber ein anderer. Gezeichnet nennt er seinen äußerst ansprechend ausgeführten Band voller Varianten der Figur, der Situationen, der Gefühlslagen. Der Einband sieht wie ein skizzierter Briefmarkenbogen aus, allerdings besteht er nicht aus der immergleichen Abbildung (dem literarischen Topos), sondern aus je verschiedenen Langnasengestalten (den poetischen Weiterführungen). Ein paar Schriftzüge geben kleine inhaltliche Fingerzeige, "eris quod sum" steht hinten.

Alles ist von Grieblers Hand gezeichnet, gemalt, geschrieben, sogar das vordere Kurzimpressum. Das schöne Nachwort von Daniel Kehlmann tippt das Werk als "Werdegang einer sich autonom formenden Persönlichkeit und darüber hinaus eine gänzlich eigenständige Weltvision" an. Dieser Kosmos ersteht aus feinen Strichen, merkwürdigen Formen, poetischen Unterschriften. Der andere Pinocchio ist ein springender Seiltänzer, dann ein Vogelschnabel, der einer Pestmaske ähnlich werden kann, oder ein melancholisches Herzgesicht oder eine bunte Collage mit Gliedmaßenscharnieren wie Reißnägel, die wiederum zur Nasenform auswachsen.

Romantische Metamorphosen und Ironie mit aufgeklärter Kontur in origineller Vervielfältigung. "In der Wahl seines Zeichners kann man nicht vorsichtig genug sein", steht unter einem ungünstig Ausgefallenen, "gute Nacht!, sagte Prokrustes" unter einer bis über den Rand gezogenen Figur. "Ich erkannte eine Gestalt hohen Werts" zeigt einen Pinocchio, dem dick aus der Nase heraus ein anderer in die Höhe wächst. Ein Nasenstand auf zwei Buchseiten heißt in knappem Sprachwandel "Très gefährlich".

Wir finden Melancholiker, als sei Schopenhauer ein Pinocchio, und schelmische und verliebte Traumtänzer, auf der Erde und auf dem Mond. Die Nase wird Genital oder eingeringelt zum Unendlichkeitszeichen ("Ewigkeit, was für eine Lüge"), Pfeil oder Feder oder Bleistift. Hier treffen sich, wie Daniel Kehlmann schreibt, die Sprache eines großen Zeichners und der Strich eines Dichters. Matthias Griebler schafft eine konsequente Folge, in der die stehende Figur von Blatt zu Blatt die Seiten wechselt. Ich ist ein anderer – Pinocchio, mit dem Doppelsinn des Untertitels: "gezeichnet". (Klaus Zeyringer, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.07.2007)

Matthias Griebler, "Pinocchio, aber ein anderer". Gezeichnet,€ 70,–/ (o.S.). Frankfurt am Main, Insel 2007.
  • Artikelbild
    illustrationen: matthias griebler
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