Das Umfeld der Karibikverluste

16. Juli 2007, 12:32
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Aufsichtsräte, die nichts fragten, ein "kleiner Kreis von Eingeweihten" im Vorstand, der andere nur selektiv informierte und als "willige Werkzeuge" gebrauchte: In diesem Umfeld sind laut Anklage die Karibikverluste entstanden

Zu behaupten, die Gewerkschaftsbank Bawag (heute US-Hedgefonds-Tochter Bawag PSK), sei je eine gewöhnliche Bank gewesen, wäre verfehlt. Als "Arbeiterbank" 1922 von Karl Renner gegründet, 1934 vom "Ständestaat" liquidiert, 1947 wieder aufgesperrt, war sie ab 1963 auf das Geschäft mit "einfachen" Privatkunden fokussiert. Die Aufgabe klang einfach, war aber schwierig: billige Kredite, hohe Sparzinsen – und dem Aktionär ÖGB Dividenden zahlen, ohne dass dieser im Gegenzug je eine Kapitalerhöhung genehmigt hätte: "Wir haben nie auch nur einen Cent vom Aktionär bekommen, mussten nach internen Lösungen suchen, um die Anforderungen zu erfüllen", schildert ein Angeklagter das Dilemma.

Ein Dilemma, das durch die handelnden Personen potenziert wurde. Gewerkschaftersohn Walter Flöttl arbeitete 45 Jahre in der Bank, davon herrschte er als Chef 23 Jahre (bis 1995) absolutistisch. Letztlich fand er nicht einmal etwas dabei, seinen eigenen Sohn Wolfgang mit Millionenkrediten für hochspekulative Veranlagungen zu versorgen.

Keine Kritik, kein Widerstand

Kritik, Aufmucken, Widerstand kamen gar nicht erst auf, was sich unter dem im gleichen Biotop aus Macht und Schweigen sozialisierten Flöttl-Nachfolger Helmut Elsner nicht änderte. Die Folgen sind bekannt.

All das spiegelt die Anklageschrift facettenreich wider. Anträge des Vorstands seien im Aufsichtsrat "unreflektiert abgenickt worden ... niemals wurde eine effektive Kontrolle des Vorstands ausgeübt". Der Aufsichtsrat habe "aus Sicht der Eingeweihten ein Dasein als lästiges, aber als Schutzschild nützliches Werkzeug gefristet", auch Präsident Günter Weninger sei "williges Werkzeug gewesen".

Teilen und herrschen

Den "zentralen Vorwurf", die Entstehung und Anhäufung der Verluste (1998 waren es 639 Mio. Dollar, was dem Gewinn aus 40 Jahren entsprach) fasst der Ankläger so zusammen: "Aus dem Totalverlust zog man keine Lehre, sondern warf dem Verlorenen immer mehr Geld hinterher." Der "kleine Kreis der Eingeweihten, Elsner, Zwettler, Nakowitz und Weninger", hätte andere nur "selektiv und partiell mit unterschiedlichen Informationen versorgt". Selbst Bankchefs wie Josef Schwarzecker oder Christian Büttner fühlten sich informationsmäßig "kaltgestellt".

All das habe 2006 zu gröberen Überraschungen bei Mitarbeitern geführt, die "Transaktionen durchführten und im Lauf der Zeit einiges mitbekamen": "Wie der Schaden entstand und wer dafür verantwortlich zeichnete, erfuhren sie damals aus den Medien."

Bericht auf den Bahamas

Elsners Reaktion, als im August 2000 die fast letale Verlustwelle über die Bank schwappte: "Er ließ sich von Flöttl auf dessen Kosten und mit sechsköpfiger Entourage mit dem ... Privatjet in Wien abholen und auf die Bahamas fliegen, wo er auf der von Flöttl der Bawag übertragenen Liegenschaft rund drei Wochen urlaubte." Allerdings habe er sich dort "von Flöttl genau berichten lassen".

Die Verantwortung mancher Angeklagten, sie wollten die Verluste "aus eigener Kraft wiedergutmachen", lässt die Anklage kalt: "Ein Verlust bleibt ein Verlust. Man kann es nur in der Zukunft besser machen, aber auch das taten die Beschuldigten nicht." (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.7.2007)

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    Flöttl senior dirigierte die Bank in die Karibik, Präsident Weninger den ÖGB in die Haftung, dessen Chef Verzetnitsch wich Hundstorfer (v. li.).

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    Filmreif entwickelte sich der Skandal spätestens mit der Rückholung Elsners aus Frankreich. Er musste Penthouse gegen Zelle tauschen.

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