Was Bart Denken nennt

13. Juli 2007, 16:52
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Ein neues Buch erhellt "Die Simpsons" philosophisch - Ein Vorabdruck

Bart Simpson hilft uns verstehen, was antipsychologistisches und personifiziertes Denken ist. Bart ist bei allem, was er denkt und tut, von Angesicht zu Angesicht mit den Dingen. Er steht außerhalb der Wissenschaft und direkt vor dem, was ihn betrifft; wenn ihm etwas präsent ist, ist er zugleich diesem Etwas präsent. Für Bart ist nichts einfach bloß in seinem Kopf. Es gibt nichts Psychologisches oder Persönliches zwischen ihm und der Welt. Für Bart ist alles personifiziert. Alles ist in der Kehre.

Wenn Bart etwas begreift, dann führt er das nicht auf einen Mittler zwischen ihm und der Welt zurück. Vielmehr sieht er es so, als hätte er die Welt in die Hand genommen.

Und weil Bart das tut, gehört er zu den Dingen; er wird dadurch zu einem Wesen unter Wesen. Barts Denken ist durch das bestimmt, worüber es nachzudenken gilt. Daher ist es besonders empfänglich für das, was ist und was sich ihm präsentiert. Das ist der Grund für die existenziellen Kräfte von Bart: sein gewaltiger Einfallsreichtum, sein außergewöhnliches Talent, Gefahr und Ärger zugleich anzuziehen und zu vermeiden, seine seherische Gabe, den Lauf der Dinge vorherzusagen. (Ich behaupte nicht, dass Bart diese Gaben immer zum Guten einsetzt!) Anders als wir, der Rest von Springfield, die wir allesamt mit dem Persönlichen genug zu tun haben und die wir uns von der Welt wie durch einen Mittler abgeschirmt fühlen – durch die Vorstellungen, die in unseren Köpfen umherschwirren –, ist Bart von allem Schwirren ungestört. Er kennt keine Projektionsfläche, er ist durch nichts belastet.

Barts Denken ist wesentlich auf die Welt gerichtet. Philosophische Fragen wie "Wie hängt das Denken mit der Welt zusammen?" setzen Bart nicht schachmatt. Diese Frage würde er mit einem leeren Blick an sich abprallen lassen. Bart denkt, die Welt ist in seinen Gedanken, und seine Gedanken sind weltumspannend. Deshalb braucht er keine philosophische Erklärung des Zusammenhangs von Denken und Welt. Er ist die Abwehr dieser Frage in Person, was ihn zur geeigneten Figur für Anfang und Ende dieses Essays macht. Weil Bart Heideggers Definition des Denkens gleichkommt, attestiere ich ihm die Macht, amüsant und eine Muse zu sein.

Kann ich jedoch beweisen, dass Bart ein heideggerianischer Denker ist? Nein – zumindest nicht in dem Sinne, wie "beweisen" normalerweise verstanden wird. Was ich tun kann, habe ich getan: das heideggerianische Denken zu erklären und an Bart zu erläutern, in der Hoffnung, dass sich zwischen den beiden eine innere Beziehung zeigt, die für beide wesentlich ist. (Dieses Vorgehen kann man ungefähr mit Folgendem vergleichen: Ich erkläre Ihnen, was Enten sind, besorge dann Bilder und zeige Ihnen Joseph Jastrows Hasen-Enten-Bild. Wenn alles gut gegangen ist, sollte sich eine Beziehung von "richtigen" Entenbildern und dem Hasen-Enten-Bild zeigen.) Und kein Beispiel aus den Simpsons wird meine Behauptung widerlegen können.

Ich habe versucht, die Beziehung von dem, was Heidegger Denken nennt, und dem, was Bart Denken nennt, aufzudecken. Doch damit wollte ich nicht sagen, dass diese Beziehung auch jenseits aller Syllogismen steht. (Kelly Dean Jolley, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.07.2007)

"Die Simpsons und die Philosophie", Hrsg. v. W. Irwin, M. Conrad, A. Skoble,Tropen Verlag, Berlin, erscheint im Juli 2007
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    coverbild: tropen verlag
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