Fernsehen und fürs Leben lernen

13. Juli 2007, 16:43
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"Was guckt ihr euch diese scheußlichen Figuren an?", fragte uns stets die Mutter

Es war 1991, vor dem TV. Mediale Ödnis. Die Trostlosigkeit ist total. Um 17 Uhr läuft im Privatfernsehen Married with Children, Al Bundy spült das Klo, die Kunst-Menschen aus der Konserve lachen laut. Anderswo läuft Falkenstein, Denver Clan, die Schwarzwaldklinik und bald auch die erste Talkshow. Dass man sich heute nicht mehr an die erste Simpsons-Folge erinnert, die man Anfang der 90er gesehen hat, erscheint unverständlich und fast ein wenig skandalös. Gab es keine Fanfaren, kein himmlisches Licht oder andere Spezialeffekte, mit denen wir so etwas wie Erleuchtung denken?

Vielleicht war es Folge 2, "Bart the Genius", vielleicht war es auch Folge 4, "There is no disgrace like home", in dem die Simpsons zur Familientherapiesitzung bei dem Freudianer Dr. Marvin Monroe (R. I. P.) gehen und sich gegenseitig Stromschläge verpassen sollen, um die Empathiefähigkeit zu steigern. Die Simpsons drehen die Volt-Zahl so stark hoch, dass in Springfield die Lichter ausgehen. Eine schrecklich nette Familie. Vielleicht blieb das jugendliche Zapper-Bewusstsein zuerst an den grellen Farben, der entgleisten Mimik der Figuren hängen, an den Slapstick-Brutalitäten, die in der Szene als "Homer Paingags" bekannt wurden. Dass es aber um mehr geht, als um Action, ahnte man jedoch bald wegen Witzen und Worten wie diesen: Als die Bewohner von Springfield nach einem verheerenden Wirbelsturm in der Kirche Schutz suchen, steht an einem Schild vor dem Gebäude: "God welcomes his victims."

1991. Sonic Youth. Nirvana. Run DMC. Gitarrenriffs und Schreie. Die Simpsons sind das einzige Medien-Mainstream-Phänomen mit subversivem Potenzial. Simpsons-Fans bauen keine parasozialen Bindungen auf wie etwa Soap-Opera-Junkies, es geht hier nicht um das dumpfe Berieselnlassen des habituellen Talkshowkonsums. Simpsons-Fans verehren die Sendung wie Musiker oder Künstler, also als Instanz, die tradierte Werte angreift und eine alternative Weltsicht propagiert. Andere Generationen hatten Bert Brecht oder Jimi Hendrix. Die Generation X hatte Homer Simpson, oder besser: Matt Groening, das Genie hinter diesem einzigen großen Epos der zweiten Moderne. "Es geht um Liebe und Wut", sagt Groening, und "Zielgruppe sind alle, die einen Fernseher besitzen." Also: Alle.

In einem Traum katapultiert sich Homer ins Paradies. Überfluss. Das Ende des Mangels. Was wünscht er sich? Einen Fernseher. Und selbst als in einer anderen Folge die Boulevard-Medien ihn als Sextäter verleumden und seine bürgerliche Existenz zerstören, kuschelt er sich am Ende doch an das kalte Glas des Bildschirms und meint: "Lass uns nie wieder streiten". Weil die Simpsons den Fernseher als Kulturikone ernst nehmen, kann die Sendung die Wirklichkeit adäquat beschreiben. Nicht umsonst sind die Simpsons die einzige TV-Familie, die das tut, was der Mehrheitsmensch den ganzen Tag tut: fernsehen.

"Was guckt ihr euch die scheußlichen Figuren an", sagte die Mutter in der Tür. Die richtige Antwort wäre wohl gewesen: fürs Leben lernen. Als Bart und Lisa mal eine weitere Niederlage einstecken müssen, gibt ihnen ihr Vater folgenden Rat: "Kids, you did everything you can. You failed miserably. The lesson is: Never try." Dieser zynische Zen-Buddhismus ist die einzig funktionale Lebenshaltung in einer Zeit, in der der amerikanische Traum einer mühseligen Wirklichkeit Platz gemacht hat. Springfield wird bevölkert von Konsumsüchtigen, patriotischen Waffennarren, TV-Junkies und fetten Fastfood-Freaks, hier betrügt und übervorteilt jeder jeden – und am Ende gewinnt immer das System. Wie im echten Leben. Als die dysfunktionale Kleinfamilie – schlechte Noten, ungesunde Ernährung und häusliche Gewalt – in einer Folge mal von einem Marry-Poppins-Klon resozialisiert werden soll, vertreiben die Simpsons am Ende der Folge die Supernanny und singen: "Happy the way we are". In der Fernsehsendung herrscht trotz der gemeinen Gags und des hohen Ironiefaktors echtes Mitgefühl für die Verlierer des Lebens. Bart trägt das T-Shirt: "Underachiever and proud of it". Leistungsdruck und Schulnoten sind egal, so die Botschaft, wichtig ist, dass man versteht, was vor sich geht.

Die Simpsons sind eine Schule der Filmsprache. Schuss-Gegenschuss-Verfahren. Montage. Alfred Hitchcocks Meisterwerke werden inhaltlich als auch stilistisch zitiert. Man braucht schon das Filmwissen von verrückten Videotheken-Verkäufern wie Quentin Tarantino, um all die Referenzen, Zitate und Gastauftritte zu erkennen. Es gibt viele Menschen, die Klassiker wie Es war einmal in Amerika zuerst in der Simpsons-Adaption gesehen haben. Und als sich Mister Burns, der reiche Atomkraftwerkbesitzer, in einer Folge nach einem Teddy aus seiner Kindheit sehnt, während er in seiner riesigen, düsteren Schlossvilla sitzt, merkt man erst Jahre später, dass das Plüschtier Bobo Rosebud ist und Mr. Burns Citizen Kane.

Dietrich Diedrichsen hat die Simpsons mal als das "kompletteste postmoderne Kunstwerk" bezeichnet. Jede Folge entfaltet ein gewaltiges Anspielungspanorama. Jede zweite Einstellung ist ein filmgeschichtlicher Kommentar, je genauer man hinsieht, desto mehr intertextuelle Bezüge tauchen auf: Mark Hamill und Luke Skywalker. Akte X. Thomas Pynchon. Es geht bei den Simpsons jedoch nicht um das Verknüpfen um des Verknüpfens willen, sondern darum, Ordnung zu schaffen. Anders als bei den meisten anderen TV-Sendungen wird Wissen hier belohnt. Man kann die Simpsons aber auch einfach dafür lieben, dass sie einen Reichtum an Bildern und Gedanken aufweisen, die im Fernsehen (und nicht nur dort) ihresgleichen sucht. Die TV-Cartoon liefert echte Glücksmomente – jeden Tag frei Haus. Dann schnell abschalten, bevor Alf kommt.

Die Simpsons sind ein Grundkurs in Medienkompetenz, die Zuschauer lernen die Decodierung von Referenzsystemen und üben den postmodernen Alltag – diese hermeneutische und interpretative Sisyphos-Arbeit. Man merkt das schon daran, dass Simpsons-Fans notorisch zitieren, ihre Lieblingsszenen austauschen und dem Echo des Witzes lauschen. Zum Beispiel und willkürlich und ganz persönlich ausgewählt: Homer spricht einen Toast aus, prostet dem Alkohol selbst zu, "dem Ursprung und der Lösung aller Probleme". Nach dem elften September 2001 ist die Serie schärfer denn je. Die Simpsons-Zeichner lassen Dracula bei der Convention der Republikaner auftreten, der Irakkrieg wird nach Springfield reimportiert – und Homer geht in den Untergrund. Achtzehn Jahre lang begleiteten die Simpsons nun die Ausbildung des kritischen Bewusstseins ihrer Zuschauer. Die Sendung ist ein bisschen älter, politischer geworden – und deshalb manchmal weniger lustig. Eigentlich ganz wie man selbst. (Tobias und Michael Moorstedt, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.07.2007)

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    "Happy the way we are": Die Simpsons sind eine schrecklich nette Familie und nebenbei, laut Dietrich Diedrichsen, das "komplet-teste post-moderne Kunstwerk".

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