Probleme durch verstärkte Biomassen-Nutzung

15. Juli 2007, 14:00
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Deutsches Gutachten befürchtet Raubbau in Erzeugerländern und weniger Nutzen für Klimaschutz als erhofft

Berlin - Die Nutzung von Biomasse gilt weltweit als Lösungsansatz im Kampf gegen den Klimawandel. Doch der Biomasse-Boom schafft Probleme: In Industrieländern wie Deutschland sind die Anbauflächen begrenzt, in Indonesien und Brasilien müssen tropische Regenwälder den Energiepflanzen weichen und wegen der hohen Nachfrage der Bio-Raffinerien werden Mais und Soja als Grundnahrungsmittel für viele Menschen unerschwinglich. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) der deutschen Bundesregierung verlangt daher in seinem aktuellen Gutachten, Umwelt- und Naturschutzgesichtspunkte bei der Biomasse-Nutzung stärker zu berücksichtigen und den Nutzen für den Klimaschutz jeweils genau zu prüfen.

Vorteil der Biomasse liegt auf der Hand

Bei der Verbrennung von Holz oder der energetischen Nutzung von Mais, Palmöl und Soja wird nicht mehr Kohlendioxid freigesetzt, als zuvor in den Pflanzen gebunden wurde. "Im Hinblick auf ihr grundsätzlich großes Potenzial zur Vermeidung von Emissionen klimarelevanter Gase ist die Bedeutung, die die Europäische Kommission und die Bundesregierung der verstärkten Biomassenutzung einräumen, zu begrüßen", heißt es denn auch in dem SRU-Gutachten. Zudem ist Biomasse flexibel als fester, flüssiger oder gasförmiger Energieträger einsetzbar und verfügt im Gegensatz zu anderen erneuerbaren Energieträgern über eine gute Lagerfähigkeit.

Biomasse vor Ort nicht ausreichend

In Deutschland ist das Potenzial allerdings begrenzt. Nach Ansicht der Experten könnten nachwachsende Energiepflanzen sowie die Nutzung biogener Reststoffe wie Stroh und Restholz zusammen bis zum Jahr 2030 nur zehn Prozent des Primärenergiebedarfs abdecken. Die Experten zweifeln sogar daran, dass die in einheimische Biomasse ausreicht, um die von der EU vorgegebene Biospritquote von zehn Prozent bis 2020 umzusetzen. Nicht alle Reststoffe sind nutzbar und eine massive Ausweitung oder Intensivierung des Anbaus zum Beispiel von Mais oder Raps würde ökologisch mehr Nach- als Vorteile bringen - zum Beispiel durch Umbruch von Dauergrünland, Trockenlegung von Mooren oder Übernutzung von Wäldern. Höchstens eine Verdoppelung der Anbaufläche für Biomasse von derzeit 1,6 Millionen Hektar sei noch sinnvoll.

Raubbau in Erzeugerländern

Die ehrgeizigen Ziele der deutschen Bundesregierung und der EU dürften daher zu einer deutlichen Zunahme des Imports von Biomasse oder biogenen Energieträgern führen. Dies bedeutet aber laut Gutachten besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern "erhebliche Gefahren eines Raubbaus an den Naturgütern der Erzeugerländer". Dem Abholzen von Regenwäldern und neuem umweltschädlichen Intensivlandbau müsse daher durch verbindliche Standards für den Anbau entgegengewirkt werden, möglichst durch internationale Vereinbarungen, notfalls aber auch durch restriktive Importregeln Deutschlands oder der EU.

Beachtung der Effizienzkriterien

Zweifel haben die Experten, ob die massiv vorangetriebene Beimischung von Biosprit zu Benzin oder Diesel die sinnvollste Nutzungsart von Biomasse ist. So ließen sich bei einer stationären Nutzung für Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung bis zu dreimal höhere Energiepotenziale ausschöpfen, heißt es in dem Gutachten. Generell sei feste Biomasse wie Holz in erster Linie für die Wärmeerzeugung geeignet. Die Experten verlangen, die Förderung der Biomasse neu zu ordnen und dabei stärker an Effizienzkriterien auszurichten - am besten im Rahmen des Emissionshandels. Dabei müsse neben der C02-Reduzierung auch möglicherweise zusätzlich entstehendes Methan und Lachgas berücksichtigt werden.

Ganzheitliches Energiekonzept

Der Sachverständigenrat plädiert für ein ganzheitliches Energiekonzept, das die Nutzung von Biomasse einschließt, aber jeweils in einer Umweltbilanz gegenüber anderen Formen der Energieerzeugung abwägt. So werde der Klimaeffekt, der durch Biomasse erzielt werden kann, "wegen nicht hinreichender ökobilanzieller Betrachtungen, so insbesondere hinsichtlich der Klimafolgen von Landnutzungsänderungen, tendenziell überschätzt", äußern sich die Experten in ihrer Gesamtbilanz eher skeptisch. Besonders im Bereich der Biokraftstoffe solle daher "nur ein mäßiger Ausbau angestrebt werden". Die EU-Quote für Biosprit soll sogar nach unten korrigiert werden. (APA)

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