"Biotreibstoff ein effizienter Schlag gegen Venezuela"

16. Juli 2007, 11:19
105 Postings

Der Lateinamerika-
Experte Peter Stania im derStandard.at- Interview über das "linke Konglomerat" und die Ressourcenfrage

Die Pläne, in Südamerika eine regionale Integration voranzutreiben, werden erst seit einigen Jahren forciert. Der Präsident Venezuelas setzt hierbei einerseits auf die "Südamerikanische Gemeinschaft der Nationen" und startete andererseits zahlreiche Initiativen unter dem Titel "Bolivarische Alternative für Amerika" (kurz: Alba; dtsch. Morgenröte). Sie propagiert den kooperativen Kostenvorteil im Unterschied zum neoliberalen Freihandelskonzept. Widerstand gegen einen solchen Vorstoß kommt jedoch nicht nur aus dem industrialisierten Norden, betont Lateinamerikaexperte Peter Stania im Interview mit Christa Hager. Vielmehr hemme gerade Brasilien die Initiativen einer lateinamerikanischen Integration.

* * * * *

derStandard.at: Die Renationalisierung in einigen Ländern Lateinamerikas, wie beispielsweise in Bolivien oder Venezuela, hatte Umstrukturierung zur Folge, damit verbunden die Abwanderung vieler US-Konzerne. Wer rückt an deren Stelle?

Peter Stania: Die Integration Lateinamerikas zielt drauf ab, in erster Linie die USA fernzuhalten. Aber auch wenn andere Staaten an ihre Stelle nachrücken, dann ist das Ziel einer Nationalisierung verfehlt. Wie Venezuela in ihrer Verfassung festschreibt, geht es darum, erstmals eine de facto- Unabhängigkeit zu erlangen. Und nicht einen „Kolonialherren“ gegen einen anderen auszutauschen. Man versucht, eigenständig zu agieren und in diesem Kontext ein stärkeres Gewicht auf diesem Globus zu bekommen.

Das hält die Staaten Lateinamerikas zusammen. Andere Länder sind erst dann willkommen, wenn sie keine neuen Dominanzstrukturen aufbauen, sondern wenn sie helfen, die lateinamerikanischen Wirtschaftkomponenten aufzubauen. Das wäre sicherlich auch eine Chance der EU, sich mit Lateinamerika zu verständigen und zu liefern, was sie brauchen. Nur nützt die EU diese Chance leider nicht.

Auf der anderen Seite muss man davor warnen, die USA vorzeitig abzuschreiben. Sicherlich hat es momentan den Anschein, dass die USA zum großen Teil ihre Vormachtstellung in Südamerika verloren haben. Aber das ist ein sehr generalisierender Blick. Sieht man sich die Entwicklungen pro Land an, so unterstützen sich die Länder zwar gegenseitig, aber es dominieren sehr wohl auch nationale Interessen. Denn auch in diesem "linken Konglomerat" gibt es unterschiedliche Regierungen, Bestrebungen, soziale Bewegungen und sehr wohl auch Widersprüche.

derStandard.at: Welche Widersprüche sind das?

Stania: Diese inneren Antagonismen zeigen sich zum Beispiel in Bolivien. Denn eigentlich müssten sich die brasilianischen Konzerne, die dort Gas ausbeuten, wegen des Gleichbehandlungsprinzips ebenso zurückziehen wie die US-amerikanischen. Doch erstere leisten, in Kooperation mit spanischen Unternehmen, massiven Widerstand. Und dieser verlagert sich letztendlich auf die politische Ebene. Denn auch wenn es dabei um beinharte ökonomische Interessen der Mittelmacht Brasilien in Lateinamerika geht, ist sie gleichzeitig darauf bedacht, die Führungsposition in der Integration und in der Auseinandersetzung mit den USA nicht abzugeben. Nimmt zum Beispiel Venezuela eine führende Position ein, so schädigt dies brasilianische Interessen.

Diese inneren Widersprüche hemmen gleichzeitig aber die Integrationsprozesse. Brasilien versucht ganz klar, die eigenen Interessen, auch gegen die USA, durchzusetzen. Wogegen andere Länder, wie Venezuela und Bolivien, ein lateinamerikanisches Konzept anstreben. Im Unterschied dazu denkt Brasilien: „Lateinamerika ja, aber nur mit mir als dominierende Macht“. Und gleichzeitig will sich Brasilien nicht unbedingt mit den USA anlegen, wie die Frage der „Agrofuels“ zeigt.

derStandard.at: Inwiefern?

Stania: Mit der Vereinbarung Brasiliens mit den USA über Agrarspritproduktion haben die USA auch einen ersten kräftigen und effizienten Schlag gegen Venezuela sowie gegen die Integrationsbemühungen des Subkontinents getätigt: die Beziehung von Brasilien zu seinen Nachbarländern hat sich seither leicht, aber spürbar geändert. Denn durch Agrosprit ist Brasilien in der Lage, den Eigenbedarf, der mit den nationalen Ölressourcen nicht zu decken ist, zu befriedigen. Diese nationalen Interessen laufen aber den lateinamerikanischen Bestrebungen zuwider, gemeinsam und bestimmt gegen den Norden bzw. Nordosten aufzutreten. Denn Brasilien will diese Produkte ja auch verkaufen. Und effizient deswegen, weil in Brasilien die Rodungen riesiger Flächen schon längst begonnen haben.

derStandard.at: Welche Auswirkungen haben „Biofuels“ dort?

Stania: Auf sozialer Ebene werden nationale wie multinationale Firmen, in diesem Fall hauptsächlich US-Firmen, aber auch brasilianisch und europäische, wie bisher ihre Gewinne nicht am staatlichen Umverteilungsprozess beteiligen. Hinzu kommt, dass Öl im Gegenteil zu Agrotreibstoff, den Vorteil hat, dass es nur an gewissen Stellen gefunden wird. Der massive Anbau dieser „Bioprodukte“ zerstört hingegen riesige Landschaften und damit verbunden sozialen Strukturen.

Die Auswirkungen sind weder ökologisch noch sozial in ihrer ganzen Tragweite bisher noch nicht abzusehen. Zurzeit steht ja die semantisch wunderbare Idee „Bio“ im Vordergrund: Es geht dabei um Werbung, um das Verdunkeln von Strukturen. Und das gelingt mit dem Terminus „Bio“ fantastisch.

derStandard.at: Agrosprit reicht offenbar nicht aus, die Energiebedürfnisse des Landes zu stillen. Ist Brasiliens Schritt Richtung Nuklearenergie in diesem Kontext zu sehen?

Stania: Natürlich ist klar, dass das Energiedilemma bestehen bleibt. Auch mit ein Grund, warum Brasilien auf Nuklearenergie umsteigt, möglicherweise auch Venezuela. Andererseits: Wozu braucht Brasilien ein Atom-U-Boot? Ein solches hat klar definierte militärische Aufgaben.

Hier kommt die militärische Dimension ins Spiel: In Kolumbien wurde durch den Plan Colombia massiv aufgerüstet, doch dieser geht weit über die Dimension der Guerilla und Drogenbekämpfung hinaus - Kolumbien ist bis an die Zähne bewaffnet. Eine klare divide et imperia- Strategie der USA, denn diese Position stört wiederum die Beziehung zu den Nachbarländern. Nicht umsonst kauft Venezuela kauf massiv Waffen aus Russland und versucht, eigene Kalaschnikowfabriken zu errichten. Dieses Wettrüsten ist für Lateinamerika ein absolut schädlicher Prozess.

derStandard.at: Einerseits gibt es Integrationsbestrebungen, andrerseits das Fortbestehen sowie Vertiefen von alten Strukturen. Welche Prognose wagen Sie für die Zukunft?

Stania: Eine Voraussage ist schwer. Ich hoffe natürlich, dass sich die Integration gegen die Isolierung und gegen bilaterale Verträge durchsetzt, ob es wirklich so kommt, kann man schwer sagen, man kann nur die gegenwärtigen Entwicklungen aufzeigen. Denn die Geschichte misst nicht in fünf oder zehn Jahren, da sind schon größere Zeitspannen notwendig. Doch erstmals in der Geschichte seit der Unabhängigkeit besteht wirkliche Hoffnung, dass sich die Dimension der Demokratie, die bislang nur formal bestand, weiter entwickeln wird. (derStandard.at, 13.7.2007)

  • Zur Person Dr. Peter Stania ist Direktor des International Institute for Peace (IIP) in Wien sowie Aufsichtsratsvorsitzender des  Österreichischen Nord-Süd Instituts für Entwicklungszusammenarbeit.
    foto: iip

    Zur Person
    Dr. Peter Stania ist Direktor des International Institute for Peace (IIP) in Wien sowie Aufsichtsratsvorsitzender des Österreichischen Nord-Süd Instituts für Entwicklungszusammenarbeit.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Internationale Konferenz zu Biotreibstoff in Brüssel, im Juli 2007: EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso (mitte), Portugals Premier Jose Socrates (re) und Brasiliens Präsident Lula Da Silva.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    US-Präsident George W. Bush und sein brasilianischer Amtskollege Lula da Silva am Ende eines gemeinsamen Statements über Biotreibstoff in einer Niederlassung des brasilianischen Öl- und Gasunternehmens Petrobras nahe Sao Paulo.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zuckerrohr auf dem Weg in eine Raffinerie nach Santa Rita do Passa Quatro, rund 200 km südöstlich von Sao Paulo.

Share if you care.