Riesenstreit um Zwergenmenschen

23. Juli 2007, 12:01
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Ausgestorbene Menschenart oder nur ein kranker Homo sapiens? Die Debatte um den Schädel eines Wesens, das als "Hobbit" bekannt wurde, wird immer schärfer

Washington - Manchmal scheint sich Geschichte doch zu wiederholen. Als 1856 in der Nähe von Düsseldorf die Schädelkalotte und die Gebeine des ersten Neandertalers entdeckt worden waren, herrschte jahrelang Uneinigkeit darüber, von wem diese Knochen stammten. Eine Fraktion war überzeugt, dass es sich um eine andere Menschenart handelte, die andere hielt dies für völlig unmöglich, es müsse ein krankhaft veränderter Homo sapiens gewesen sein.

150 Jahre später streiten sich die Experten erneut. Wieder geht es um einen Aufsehen erregenden Schädel und ein paar Gebeine. Und wieder lautet die Frage: Neue Menschenart oder krankhafter Homo sapiens? Das Streitobjekt ist diesmal ein vergleichsweise winziger Schädel, eines Wesens, das als "Hobbit" Berühmtheit erlangte, benannt nach dem kleinwüchsigen Volk in Tolkiens Herr der Ringe.

Ein australisch-indonesisches Forscherteam legte den Schädel und ein paar bröselige Knochen 2003 in einer Höhle auf der kleinen indonesischen Insel Flores frei. Das weibliche, dreißig Jahre alte Wesen soll gerade 100 cm groß gewesen sein.

Eigene Menschenart ...

Besonders der Kopf erregte das Aufsehen der Forscher. "Am Schädel konnte man gleich erkennen, dass es kein moderner Mensch war", sagte Mike Morwood, von der University of New England in Armidale, Australien. Kollege Peter Brown ließ sich medienwirksam vom Fachmagazin Nature zitieren, das den Fund im Oktober 2004 präsentierte: "Mir fiel die Kinnlade runter, als ich das Gehirn vermessen hatte." Fast 400 Kubikzentimeter maß das Gehirn der ausgewachsenen Frau, so klein wie das eines Babys oder eines Schimpansen.

Auch wenn der Hobbit nicht nach modernem Mensch aussah, sondern eher wie eine Mischung aus Homo erectus und Australopithecus, so besiedelte er die Insel noch, als auf der Erde nur noch der Homo sapiens lebte: vor 18.000 Jahren. Selbst der Neandertaler war wenige tausend Jahre zuvor ausgestorben. Brown, Morwood und ihr Team waren überzeugt: Dies ist eine neue Art der Gattung Mensch. Und so nannten sie das kleine Wesen nach seinem Entdeckungsort Homo floresiensis bzw. LB1 (benannt nach der Höhle, in der er gefunden wurde).

Die Berichte überschlugen sich: Der Hobbit sei der "wichtigste Fund der letzten Jahrzehnte". Kein Medium, das nicht über ihn berichtete.

Die Forscher lieferten auch gleich eine Erklärung für die geringe Körpergröße. Er sei nicht etwa eine Art Pygmäe, dafür sei der Kopf zu klein. Er könnte aber ein geschrumpfter Nachfahre des Homo erectus sein.

Doch 2005 kamen Zweifel an der These auf, dass LB1 eine neue, geschrumpfte Menschenart sei. Der renommierte indonesische Paläoanthropologe Teuku Jacob kam dann auf ungeklärtem Wege in den Besitz des Schädels, um ihn sich genauer anzusehen. Sein Fazit: klarer Fall von Mikrozephalie.

Seitdem tobt ein Schlagabtausch zweier Lager, ganz wie in Zeiten des ersten Neandertalers. Alle paar Monate erscheint irgendwo ein neuer Forschungsartikel, der Belege für die eine oder andere Seite liefert. Dabei konzentriert sich der Streit vor allem auf die Größe, Form und einzelne Teile des Kopfes.

... oder Mikrozephalus?

Das deutsche Forschertrio Jochen Weber aus Schweinfurt, Alfred Czarnetzki und Carsten Pusch von der Universität Tübingen verglichen einen computergenerierten Schädelausguss mit denen moderner Mikrozephalen und fanden beachtliche Ähnlichkeiten. "Wenn man sich auf die Morphologie des Kopfes beschränkt, ist LB1 der älteste nachgewiesene Mikrozephale, den es bisher gab."

Das "Smoking Gun" für die These, dass der "Hobbit" eine eigene Art ist, könnte nun ausgerechnet ein ganz anderes Körperteil als der Kopf liefern. Matthew Tocheri vom Smithonian Institute in Washington untersuchte nicht den Schädel, sondern den Handknochen der Zwergenfrau. Der lieferte seiner Meinung nach den untrüglichen Beweis: "Das ist definitiv kein moderner Mensch, nicht einmal annähernd", gab er sich in seinem Vortrag auf dem Jahrestreffen der amerikanischen Paläoanthropologischen Gesellschaft im Mai selbstbewusst.

Bei einer modernen Hand sind die Gelenkknochen so angelegt, dass sie wie Schock-Absorber die einwirkenden Kräfte abfedern. Auch der Neandertaler hatte solche modernen Hände. Affen oder ältere Vorfahren des Menschen besitzen diese Schockabsorber-Konstruktion noch nicht. Drei der Handgelenks-Knochen von LB1 gleichen dem der älteren Vorfahren ohne Schockabsorber-Konstruktion.

Ob Tocheri das "Smoking Gun" im Hobbit-Streit tatsächlich in Händen hält, wird sich erweisen, wenn er seine Ergebnisse in einem Fachmagazin mit Gutachterprozess veröffentlicht hat. Derzeit wartet er auf die Publikationszusage.

Aber auch dann blieben noch Zweifel, findet die Gegenseite: "Die Handknochen sehen zwar nicht aus wie die einer modernen Hand", erkennt Robert Martin an. "Aber wie können wir ausschließen, dass es nicht eine krankhafte moderne Hand ist?" Und so geht die Debatte um den "Hobbit" in die nächste Runde.

Der Streit um den Neandertaler klang aus, als 1886 im belgischen Spy zwei weitere Exemplare das Licht der modernen Welt erblickten. Auf einen solchen Fund warten auch die meisten Paläoanthropologen. Er könnte die Debatte um LB1 endgültig zugunsten der Homo-floresiensis-Fraktion beenden. Dann hätte sich die Geschichte tatsächlich wiederholt. (Marcus Anhäuser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 7. 2007)

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    Eine eigene Art sein oder nicht sein, das ist beim "Hobbit" (links sein Minischädel) die große Frage. Ein neues Indiz erhitzt nun die Debatte weiter.

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