Der Raum ist das Material: Richard Serra

12. Juli 2007, 17:28
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Zwei Ausstellungen: im New Yorker MoMA – und im Dia:Beacon am Hudson River

New York – Die Serras findet man hinter den Birkenbäumchen. So groß die beiden Stahlskulpturen von Richard Serra auch sind, im Garten des Museum of Modern Art (MoMA)kommen sie kaum zur Geltung. Zu sehr schrumpfen Intersection II und Torqued Ellipse IV, Arbeiten aus den Neunzigerjahren, im Kontext der flanierenden Besucherscharen, erst recht im Vergleich mit der umgebenden Manhattaner Architektur, von den Türmen des MoMA bis zu den Wolkenkratzern, die ihnen über die Schulter schauen.

So geht die gewaltige Geste, die man sich von den mächtigen, rohen, dabei genau berechneten kurvilinearen Eisenplatten des Bildhauers erwartet, zunächst ein wenig verloren. Man weiß, dass der 1939 in San Francisco geborene Serra, der in den Sechzigern mit verschiedenen Materialien experimentierte und unter anderem flüssiges Blei in einer Abart von Action-Painting auf Wände schleuderte, sich auf immer grundlegendere und zugleich in jedem Sinn gewichtigere Objekte konzentrierte und reduzierte.

Zunächst ergab das etwa ein "Kartenhaus" aus Blei, mannshoch und eine Tonne schwer. Dann zog ihn Stahl immer mehr an. Er wollte begehbare Objekte schaffen, "der Raum ist für mich Material", und seit vielen Jahren ergehen sich Betrachter in seinen Arbeiten, tasten sich an den rostfarbenen Oberflächen entlang und versuchen die Kräfte zu spüren, die laut dem Künstler eine Erinnerung unmöglich machen, weil nichts an dem Erlebten bekannt vorkommt.

So auch letztlich in der New Yorker Schau Richard Serra. Sculpture: Forty Years. Denn nach dem eher ernüchternden Empfang zu ebener Erde erwartet den Besucher im sechsten Stock ein gut nachzuvollziehender Rückblick auf Arbeiten von 1967 bis zu den späten Achtzigern. Und im zweiten Stock hat Platz gefunden, was man in diesem Zusammenhang Serras "pièce de résistance" nennen kann – womit man doppelt Recht hat.

Denn nicht nur sind Band, Torqued Torus Inversion und Sequence drei besonders eindrucksvolle Beispiele seiner Arbeit. Man kann sich auch kaum vorstellen, wie etwa das vier Meter hohe, aus mehreren Stücken zu insgesamt fast 25 Meter sich schlängelnde, Dutzende Tonnen schwere Band es überhaupt ins Museum geschafft hat. Der immense Aufwand, mit dem die im deutschen Siegen millimetergenau gegossenen Stahlplatten ins MoMA gehievt wurden, war denn auch bereits Teil der Schau.

Faszination Größe

Damit stellten sich die Größenverhältnisse zwar ein, die einen Teil der Faszination von Serras Werk ausmachen. Doch die Konzentration darauf kommt nur mit Mühe zustande. Zu groß sind der Rummel und die Begeisterung, mit der die Besucher die Stahlschleusen begehen, bestaunen und bequatschen. Serra ist sommerlicher Fixpunkt im MoMA, das wiederum auf dem Fahrplan aller Kulturtouristen steht.

Wem es auf Serra wirklich ankommt, dem sei ein weiterer Streckenplan empfohlen: Regelmäßig fahren Züge die rund eineinhalb Stunden von Manhattan nach Beacon am Hudson (mit dem Auto dauert’s ähnlich lang), wo eine Dependance der Dia Art Foundation liegt. Im Dia:Beacon, einer ehemaligen Kartonagenfabrik, ist ein besonders hoher und langer, von Licht durchfluteter Saal den Arbeiten des solitären Künstlers gewidmet. Ähnlich wie zurzeit in New York, aber als ständiger Teil der Sammlung, fordern Verwindungen und Ellipsen, an die Rumpfe großer Schiffe erinnernd, den Besucher heraus. Drinnen herrscht Ruhe, rundherum nichts als vergleichsweise filigrane Natur. (Michael Freund / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.7.2007)

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    Richard Serra selbst dürfte das MoMA bereits wieder verlassen haben: Seine Skulpturen (hier: "Sequence") sind noch bis 10. September zu sehen.

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