Gute schlechte Laune

19. Juli 2007, 15:00
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Eine stellenweise mitreißende Show: Die Arctic Monkeys gastierten am Mittwoch erstmals in Wien

Die britische Band, die es als eine der Ersten aus dem MySpace-Universum auf die große Pop-Bühne geschafft hat, gastierte am Mittwoch erstmals in Wien. Gezeigt wurde, dass Erfolg nicht zwangsweise gute Laune mit sich bringt. Das war nachgerade erfrischend.


Wien – Vorab ein kleiner Exkurs zum saisonal gerade trendigen Thema Koma-Gluckgluck: Dabei wird ja gerne alles, was noch keinen Führerschein besitzt, als "die Jugend von heute" über einen Kamm geschoren. Und wenn dann auch noch Musik gehört wird, die Mami und Papi nicht mehr so gut verstehen wie früher den Waterloo oder den Robinson, kann aus der elterlichen Ratlosigkeit schnell ein Politikum werden.

Ein Blick an die Bar in der von "der heutigen Jugend" restplatzlos besetzten Wiener Arena am Mittwoch zeigte jedoch ungefähr so viel Andrang wie an einer durchschnittlichen Würstelbude um halb vier Uhr morgens. Gerade auch im Vergleich mit Konzerten, bei denen fast nur Führerscheinbesitzer kommen – natürlich mit dem Auto.

Exkursion Ende – und Zuwendung zu den Arctic Monkeys, die sich auf der Bühne gerade mit – ja – Affentempo durch einen Song arbeiten. Rastlosigkeit und Melodie, das geht bekanntlich schlecht zusammen. Die eine hat keine, die andere braucht Zeit.

Dass die Arctic Monkeys, die im Moment ungekrönten Kaiser atemlos heruntergebretterter Zwei- bis Dreiminüter, insgeheim doch zur Melodieseligkeit neigen, präsentierten wie zur Abdeckung dieses Bedürfnisses die mit ihnen befreundete Band The Coral im Vorprogramm ihrer laufenden Tour.

Wie die Arctic Monkeys empfangen The Coral noch nicht allzu lange die Privilegien des Twen-Daseins, pflegen dafür aber musikalische Traditionen aus Zeiten, in denen selbst ihre Eltern noch relativ kaulquappig aus den Schuluniformen geschaut haben müssen: Prächtiger Sixties-Pop nämlich , wie ihn die US-Band The Byrds unter Zuhilfenahme den Geist lockernder Substanzen erfunden hat, wird mit Country-Einschlag in forscher Gangart gespielt, zu der Sänger James Skelly, steif wie "six feet under" und ohne auffälliges Talent zum Bühnencharakter, einen auf Entertainment-Profi macht.

Das war lustig anzuschauen und wies trotz musikalischer Gegenwelt den Weg zum kommenden Hauptact. Denn auch die seit ihrem Auftauchen im Vorjahr neuen Oberligisten eines herzerfrischend gehobelten Rüpelrock verströmten live nichts, was sich irgendwie als Charisma hätte erkennen lassen.

Alltagstristesse

Was sich bei anderen Bands als fatal erwiese, passt bei den Arctic Monkeys aber durchaus ins Bild. Keine Pose ist schließlich auch eine Pose.

Immerhin formuliert Sänger Alex Turner Texte, die ursprünglich in der Alltagstristesse britischer Industriestädte angesiedelt waren – heute schon eher im seltsamen Pop-Zirkus – und die eine distanziert-lakonische Beobachtungsweise auszeichnet, die sich auch auf die eigene Bühnenpräsenz übertrug. Eröffnet wurde die gute Stunde schlechter Laune mit "The View From The Afternoon", und im Wesentlichen offenbarte die Liveshow, was jeder Mensch mit Ohren und Kenntnis der beiden bisher veröffentlichten Alben – "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" (2006) und "Favourite Worst Night_mare" (2007) – erkannt haben sollte: Das Werk der Arctic Monkeys, die es als erste Band geschafft hat, aus dem MySpace-Dickicht auf die ganz große Pop-Bühne zu kommen, besteht aus Variationen eines einzigen Songs.

Dagegen ist spätestens seit den New Yorker Punk-Pionieren Ramones nichts einzuwenden. Den qualitativen Unterschied macht die Intensität aus, mit der jemand zur Sache schreitet. Diesbezüglich war der Zenit hier bald erreicht, und der klein gewachsene Vierer arbeitete sich unter großem Publikumszuspruch durch die insgesamt veröffentlichten 80 Minuten an Songmaterial. Man verschwendete sich beim Hit "I Bet You Look Good On The Dancefloor" und gönnte sich etwas Atem bei dem fast schon als Ballade durchgehenden "Old Yellow Bricks". Das war's auch schon. Ohne Zugabe empfahl man sich. Wenn schon Rüpel, dann konsequent. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.7.2007)

  • Alex Turner, Frontmann der britischen Band Arctic Monkeys, bei der Arbeit:
In welchem Song befinde ich mich gerade?
Eh egal.
    foto: standard / fischer

    Alex Turner, Frontmann der britischen Band Arctic Monkeys, bei der Arbeit: In welchem Song befinde ich mich gerade? Eh egal.

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