Gludovatz: "Wir sind nicht Weltklasse"

22. Juli 2007, 17:53
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Trainer auf Sachlichkeit bedacht - Ärger über straffen Terminplan und Harnik-Fehler

Edmonton - Paul Gludovatz hat in der Stunde seines größten persönlichen Triumphs auf pathetische Worte verzichtet. Anstatt in überschwänglichen Jubel über das 2:1 gegen Gambia im Achtelfinale der Fußball-U20-WM in Edmonton zu verfallen, zog ÖFB-Junioren-Teamchef am Mittwoch sachliche Analysen vor. "In der ersten Hälfte waren wir gut, in der zweiten Hälfte sind wir physisch stark zurückgefallen und haben glücklich gewonnen", lautete das Resümee des 61-Jährigen.

Tatsächlich wirkte die ÖFB-Auswahl vor der Pause souverän, nach dem Seitenwechsel aber gerieten die Österreicher trotz 1:0-Führung dank eines Prödl-Kopfballes und nummerischer Überlegenheit in Bedrängnis, kassierten das 1:1 und retteten nach dem 2:1 durch den eingewechselten Hoffer den Vorsprung mit Glück über die Zeit.

"Wir hatten in zehn Tagen vier Spiele"

"Ich dachte, unser psychisches Korsett ist stärker als unsere physischen Schwächen, aber dem war nicht so", meinte Gludovatz. Ein Grund dafür seien auch die Termin-Ansetzungen sowie die beschwerlichen Vier-Stunden-Flüge zwischen Edmonton und Toronto, wie ihn die ÖFB-Kicker auch Donnerstagfrüh absolvierten. "Wir hatten in zehn Tagen vier Spiele, dazu kommen die Flüge und die Zeitumstellung", betonte der Coach.

Im Gegensatz dazu konnten sich die US-Amerikaner, Österreichs Viertelfinal-Gegner am Samstag, fünf Tage auf ihr Achtelfinale in Toronto gegen Uruguay vorbereiten. Außerdem absolvierten Adu und Co. sämtliche Partien auf Kunstrasen entweder in Toronto oder eine Flugstunde entfernt in Montreal, während die ÖFB-Auswahl das Wechselspiel zwischen natürlichem, aber holprigem Grün in Edmonton und Kunstrasen in Toronto zu bewältigen hatte.

Regenerative Einheiten

Trotz dieser Probleme und der relativ kurzen Vorbereitungszeit auf die USA-Partie setzt Gludovatz aber nicht ausschließlich auf regenerative Einheiten. "Wir trainieren auch schon auf ein mögliches Semifinale hin."

Auch nach der starken Leistung gegen Chile veränderte der Burgenländer die Anfangsformation im Achtelfinale vor allem im Hinblick auf die körperliche Verfassung einiger Spieler gleich an fünf Positionen. "Aber das ist kein Problem, denn diese Mannschaft hat Turnier-Erfahrung." Gegen die US-Amerikaner wird die Mannschaft wohl wieder ein anderes Gesicht haben. "Ich bleibe meiner Linie treu, dass jene Spieler zum Einsatz kommen, die am fittesten sind. Wahrscheinlich wird der Team-Arzt gegen die USA die Aufstellung machen müssen."

Zur Prime Time

Im Viertelfinale gegen die US-Boys sind die ÖFB-Junioren zur Prime Time (20:15 Uhr) im ORF zu sehen sein, ein Aufstieg ins Semifinale würde die Begeisterung über das U20-Team in der Heimat weiter schüren. Doch von dieser Euphorie könnten nicht nur Hoffer und Co. profitieren, meinte Gludovatz. "Die Spieler können hier für ihre Karriere Punkte und wichtige Erfahrungen sammeln, aber ich denke schon, dass angesichts der EURO auch für den gesamten ÖFB etwas verbleibt."

Bei aller Freude über den Erfolgslauf versuchte Gludovatz aber auch zu relativieren. "Das U20-Team ist wegen des Viertelfinal-Einzugs nicht Weltklasse. Es hat aufgrund von guten, mannschaftsorientierten Momenten auch das Quäntchen Glück gehabt. Das einzige und große Ziel für die Burschen muss sein, so schnell wie möglich Stammspieler bei ihren Verein zu werden und in die Nähe des A-Teams zu kommen."

Zu Harnik-Fehler: "Unverzeihlich"

Für Martin Harnik, einen potenziellen A-Team-Anwärter, hat es gegen Gambia einen Rückschlag gesetzt. Der Bremen-Legionär verschuldete mit einem leichtfertigen Fehler den Ausgleich der Afrikaner und wurde daraufhin von Gludovatz prompt ausgewechselt. "Das war zu 100 Prozent nur wegen dieser Aktion", ärgerte sich der Trainer und bezeichnete den Lapsus als "unverzeihlich".

Harnik beschrieb die Szene folgendermaßen: "Ich habe hinten ausgeholfen und wollte den Ball nach vor spielen. Er ist sich versprungen und dem Gegner leider vor die Füße gefallen." Seine Auswechslung nahm der Offensivspieler zähneknirschend zu Kenntnis. "Der Trainer bestraft so etwas eben sofort. Aber das gehört im Fußball dazu, man kann nicht immer nur getätschelt werden."

Ob Harnik gegen die USA mit einem Platz auf der Ersatzbank "bestraft" wird, ist noch offen. Fix ist dagegen die Wiederkehr eines Rituals, das Gludovatz schon seit Jahren pflegt. Der 61-Jährige steht bei jedem Spiel mit einer schmutzigen Regenhose an der Linie. Diese rund 15 Jahre alte Hose wird zwar regelmäßig gewaschen, vom Coach aber knapp vor Spielbeginn im Dreck gewälzt, ehe er sie anzieht.(APA)

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    Gludovatz sieht Schwachpunkte.

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