Brasilianisierung des Globus

16. Juli 2007, 11:19
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Ressourcenknappheit führt zu Entwicklungen, die in diktatorischen Regimes münden, so der deutsche Mathematiker Radermacher

Stadtschlaining - Kaum ein Bericht über den Klimawandel verzichtet auf eine Darstellung der Konsequenzen, die eine Fortsetzung des derzeitigen Umgangs mit Ressourcen in Zukunft – auch im industrialisierten Norden - mit sich bringt. Globale Erwärmung und damit verbunden Umweltkatastrophen und Versorgungsengpässe. Radikaler drückt Franz Josef Radermacher, Mathematiker und Wirtschaftswissenschafter, ein mögliches Zukunftsszenario aus: „Die Menschheit sprengt zurzeit jede Grenze, die uns das ökologische System zur Verfügung gestellt hat. Kommt es zu einem Ökokollaps, droht ein Versorgungskampf.“

In Folge würden Nationalstaaten von einer Weltlogistik abhängig werden, welche die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung, Wasser und Energie regeln wird. Aber, so Rademacher weiter, sei dies nur zu 15 Prozent der Fall, denn die Menschheit werde mit zu den erwartenden Problemen bei der Energieversorgung und mit dem Klimawandel klarkommen.

"Brasilianisierung des Globus“

Dass diese Probleme gelöst werden, heißt aber nicht automatisch, dass die Menschheit weiterhin so komfortabel, wie wir es gewöhnt sind, leben wird, fügt er hinzu. Denn das Problem werde ohne breiten Konsens gelöst. Das sei zwar immer noch besser als ein Kollaps, aber für die meisten Menschen keine besonders gute Alternative. „Es geht dann um die Brasilianisierung des Globus“, erklärt Radermacher, wenn sich mittels Machtanwendung „neofeudale oder ressourcendiktatorische Regimes“ herauskristallisieren.

„Globale Elitekaste“

Aus der Sicht von etwa fünf bis zehn Prozent der Menschen im Norden wäre diese Entwicklung keine unangenehme, unterstreicht der Ökonom. „Denn diese Minderheit bestimmt die globale ökologische Struktur, während die nötigen Einsparungen von der Mehrheit der Menschen des Nordens, die rund 60 Prozent der globalen Ressourcen verbrauchen, getragen werden.“ Brasilianisierte Bedingungen liegen einem exorbitanten Energiepreis zugrunde, die Ressourcen selbst würden von Privaten und Militiärs kontrolliert. Rademacher: „Im Zweifelsfall werden sie auch verbieten, sich lokaler Ressourcen wie Holz zu bedienen. Sie sorgen dafür, dass ihre Produkte auch gekauft werden.“

Ein weiteres Merkmal seines Zukunftsszenarios: die extreme Spaltung in Arm und Reich, das BIP sinkt und somit die Produktion von Wohlstand. „Die Auswirkungen der Ressourcenknappheit und die damit verbundenen enormen Kosten, werden nach innen gekehrt, die Kosten der CO2-Emissionen und von Energie werden auf die Bevölkerung umgewälzt.“

Verarmung

Durch exorbitante Energiepreise sparten die Eliten nicht nur ein, es löse sich automatisch ein zweites Problem: „Denn dann ist auch die Verarmung bei uns so groß, dass es keinen Anreiz mehr für ärmere Länder gibt, unser Niveau zu erreichen. Es wird sich eine globale Elitekaste herausbilden“. Jene sei in Lateinmamerika und Afrika schon der Fall, und auch in China und Indien bildet sich eine solche bereits heraus. „In den USA ist es bald soweit und der Trend in Europa und in Japan geht auch in diese Richtung.“

In dieser Hinsicht habe die Umweltbewegung ein fundamentales Problem, so der Mathematiker. Denn Verzicht allein könne dem „Trend zur Brasilianisierung“ keinen Einhalt gebieten. So gibt er zu bedenken, dass es in einer Demokratie noch nie freiwilligen Verzicht mittels Abstimmung gegeben habe. Ein weiteres Manko unter Umweltaktivisten ortet er auch in deren Kampagnen für eine gerechtere Welt, indem die Armen allmählich dem Niveau der Reichen Länder angeglichen werden sollten: “Was sie sich nicht vorstellen können ist, dass die meisten bei uns schon in Richtung Armut gehen“.

Globaler Marshallplan

Andererseits betont er, dass man in Zukunft um hohe Energiepreise nicht umhin komme. Er präsentiert in diesem Zusammenhang ein „ökosozial ausgeglichenes System“: man zahlt zwar hohe Energiepreise, aber jene kämen dann über Steuern wieder zurück. Diese sollten erneuerbare Energien fördern und den Lebensstandard trotz knapper Energie zu halten. Die Chance, dass sich eine solche „Balance“ durchsetzt, sieht er zu 35 Prozent gegeben.

Auch sei ein solches System dazu gedacht, das globale Ungleichgewicht abzuschaffen. Indem der Norden arme Länder unterstützt und Standards schafft, wie beispielsweise das Verbot von Kinderarbeit und Umweltschutz. Allerdings legt Rademacher Wert darauf, dass sie reichen Staaten dafür auch bezahlen: „Normalerweise ist ja das Dilemma der Armen, dass sie das tun, was die Reichen nicht dürfen: und deswegen sind auch billig.“ Radermacher beruft sich auf das „Modell Europa“: „Wir gewähren Beitrittsländern finanzielle Hilfen, dafür fordern wir die Einhaltung von Regeln, warum sollte das nicht auch weltweit möglich sein?“

Durch diesen Globalen Marshallplan, dessen Mitbegründer Rademacher ist, könnten die ärmsten Länder aufholen, ohne dass der reiche Norden brasilianisiert wird. Rademachers Appell: „Die Zukunft des Globus hängt davon ab, ob die Chance für einen balancierten Globus besteht“ oder nicht. (hag/derStandard.at, 12.7.2007)

  • Zur PersonDDr. Franz-Josef Radermacher, Mathematiker und Wirtschafts-wissenschaftler, Professor für Datenbanken und Künstliche Intelligenz an der Universität Ulm, Mitbegründer der Global Marshall Plan Initiative und Mitglied des Club of Rome.
    foto: privat

    Zur Person
    DDr. Franz-Josef Radermacher, Mathematiker und Wirtschafts-
    wissenschaftler, Professor für Datenbanken und Künstliche Intelligenz an der Universität Ulm, Mitbegründer der Global Marshall Plan Initiative und Mitglied des Club of Rome.

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    Rademacher: Ein Fünftel der Weltbevölkerung beansprucht vier Fünftel des globalen Reichtums, „bestimmte Akteure“ nutzen die Globalisierung, um gar nichts mehr für den sozialen Ausgleich zu bezahlen.

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