Die Revolution, die gar keine war

18. Juli 2007, 13:16
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80 Jahre nach den gewalttätigen Kund­gebungen, die am 15. Juli 1927 zum Brand des Justizpalastes und zu 89 Todesopfern unter den von der Polizei beschossenen Demonstranten führten

Wien - Es muss ein heißer Tag gewesen sein, dieser 15. Juli, man sieht es an der Kleidung der Leute. Erhitzt waren auch ihre Gemüter: Am Vorabend war der Freispruch für jene rechtsradikalen Frontkämpfer verkündet worden, die am 30. Jänner 1927 auf eine sozialdemokratische Kundgebung im burgenländischen Schattendorf geschossen hatten. Der Kriegsinvalide Matthias Csmarits und der siebenjährige Josef Grössing waren tot.

Es waren (fast) immer Linke, die bei der politischen Gewalt in der Ersten Republik umgekommen sind, resümiert der Historiker Gerhard Botz bei der Eröffnung des zweitägigen Symposiums im Justizpalast, der vor 80 Jahren wegen des eklatanten Fehlurteils im Schattendorf-Prozess angezündet worden war. Dass sich die Wut der Arbeiterschaft auf die Justiz entlud, hat auch System: Während die politische Gewalt im Laufe der Zwanzigerjahre ständig zunahm, blieben die rechten Täter weit gehend unbehelligt.

Dass es zu dem blutigen Freitag auf dem Schmerlingplatz kam, hat aber auch mit der Entfremdung der sozialistischen Parteiführung von der Basis zu tun gehabt. Denn die Parteispitze übte sich gerne in Verbalradikalität - erst im Jahr 1926 hatte sie das Austromarxistische Linzer Programm verabschiedet, das die Bürgerlichen das Fürchten lehrte -, sie stand aber andererseits treu zur bürgerlichen Republik und ihren Einrichtungen, die sie 1918 mit geschaffen hatte.

Damit verbunden war auch ein "hoher Anspruch auf justizielle Gerechtigkeit, aber auch eine gewisse demokratiepolitisch bedenkliche Selbsthilfementalität", wie Botz abwägend formuliert.

Das war also die Ausgangslage am Morgen des 15. Juli: In der Früh hatten viele Arbeiter in ihrer Arbeiter Zeitung vom Schattendorf-Urteil gelesen - mitsamt einem Kommentar von Friedrich Austerlitz, der vor einem Bürgerkrieg warnte.

Ob das wohl ein Aufruf zum Generalstreik wäre? Die Arbeiter des E-Werks in der Mariannengasse wollten Auskunft von der Partei, doch Otto Bauer ließ sich verleugnen. Polizeipräsident Johann Schober ahnte, dass Unruhen ausbrechen könnten, er wusste, dass seine Polizei darauf schlecht vorbereitet war - doch Rückfragen bei der Partei ergaben, dass keine großen Aktionen geplant seien.

Diese leiteten derweil die E-Werker ein, die den Strom mehrfach ein- und ausschalteten - ein vereinbartes Streiksignal. So demonstrierten die Massen ohne eigentliche Führung und ohne die gewohnten Ordnerkräfte des Schutzbunds. Zwar bemühten sich Schutzbündler, unkontrollierte Gewaltausbrüche zu bremsen oder wenigstens zu kanalisieren. Doch hatten sie wenig Wirkung: Tausende Arbeiter belagerten den Justizpalast, drangen ein, zündeten Akten an. Da waren schon die ersten Schüsse gefallen und die Mengen außer Kontrolle. Auch außer Kontrolle des sozialdemokratischen Parteivorstands, der im Parlament tagte.

Dann kam Verstärkung der Polizeieinheiten, die zunächst zurückgeschlagen und verprügelt worden waren. Es wurde scharf geschossen - 89 Tote und über 1000 Verletzte gab es, eine auch im internationalen Vergleich hohe Opferzahl.

Schuld wollte niemand sein. Nicht Polizeichef Schober ("ich habe stets nur meine Pflicht getan"), nicht die hilflose Führung der Sozialdemokratie. Dabei war der alles andere als ein revolutionärer Akt, wie der Historiker Botz versichert - in diesem Punkt habe der Philosoph Elias Canetti, damals Augenzeuge, sicher Unrecht gehabt. (Conrad Seidl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 7. 2007)

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    Spontaner Zornesausbruch, aber keine revolutionäre Stimmung: die verhängnisvolle Demonstration am 15. Juli 1927.

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    Gedenken an Schattendorf-Prozess und Justizpalastbrand: Bundespräsident Heinz Fischer und Maria Berger

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