Ingo Schulzes "33 Augenblicke des Glücks"

12. Juli 2007, 17:00
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Kapitalismuskritik, Sankt Petersburg, Miniaturen mit Drall ins Fantastische und Surreale

Ingo Schulze ist wie kein zweiter deutscher Autor der Schriftsteller der Zeitenwende von 1989. Sein Buch Simple Storys, das ihn 1998 schlagartig berühmt machte, erzählt vom verwirrenden Taumel, mit dem die Weltgeschichte die Menschen des thüringischen Städtchens Altenburg erfasst, sie aus den gewohnten Lebensbahnen reißt und sie einer neuen, noch offenen Zukunft übergibt. Aber schon Schulzes Debüt, die hinreißenden 33 Augenblicke des Glücks, erzählen von dieser Zeitenwende - sie greifen dafür aber viel weiter nach Osten aus: Sankt Petersburg ist die Stadt, vor deren Kulisse Schulzes Protagonisten den Homo Sovieticus hinter sich lassen und dem wild-neuen Kapitalismus ins Auge blinzeln.

Auf universitärem Terrain nennt sich das Fach, dessen Thema der Systemwechsel in Osteuropa ist, Transformationswissenschaft. Das klingt ziemlich kalt, technisch und ungemütlich für ein Ereignis, das Europa sich selbst zurückgegeben hat. Von den Seelen- und Verhaltenstransformationen erzählt auch Ingo Schulze. Aber auch davon, wie sich die Topografie unseres kulturellen Gedächtnisses seit 1989 neu ordnet. Denn mit dem Ende des Eisernen Vorhangs sind nicht nur geografisch, sondern auch historisch neue, oder muss man sagen, alte Räume wieder zugänglich geworden. Tiefere Schichten der Überlieferung. Nicht ohne Grund spielen die 33 Augenblicke des Glücks nicht in Moskau, sondern in Sankt Petersburg, der Stadt, deren Namenswechsel schon die Schleifen der Geschichte in sich aufgenommen hat. Dabei ist dieses "Piter", wie ihre Bewohner es vertraulich nennen, bei Schulze eher eine Fantasmagorie als eine realistische Stadtlandschaft, trotz aller handfesten Lebensschicksale, die sich darin abspielen. Denn das neue Russland, von dem Schulze erzählt, ist vor allem auch dadurch geprägt, dass es sehr viel Altes, Mythisches und Literarisches wieder ins Kraut schießen lässt.

33 Augenblicke des Glücks ist ein ironisches, ein verspieltes, mit dem Leser und der Literaturgeschichte sein Spiel treibendes Buch. Eingebettet ist es in eine Herausgeberfiktion. Ingo Schulze erklärt eingangs, das Textkonvolut sei nur durch Zufall in seine Hände geraten, es stamme eigentlich von einem gewissen Herrn Hofmann, einem deutschen Geschäftsmann in Russland. Der ist naturgemäß weniger Geschäftsmann als Wiedergänger des foppenden Erzromantikers und Geschichten-Kauzes E. T. A. Hoffmann. Und so haben alle diese Prosa-Miniaturen einen Drall ins Fantastische, Surreale, Übersinnliche, ins, wie man es mit den Frühromantikern sagen könnte: Transzendental-Komische. Der Herausgeber rechtfertigt die Publikation mit dem Hinweis, er hoffe, die Aufzeichnungen trügen dazu bei, die "anhaltende Diskussion um den Stellenwert des Glücks zu beleben". Wenn das mal kein Thema ist, für das sich das Lesen lohnt. (Ijoma Mangold / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.7.2007)

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