Änderungen im Olymp

13. Juli 2007, 17:00
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Vorige Woche stellte Karl Lagerfeld in Paris seine Haute-Couture-Kollektion für Chanel vor - Stephan Hilpold durfte den Meister und seine Kleider einige Tage begleiten

Zwei Tage bis zum großen Auftritt. Zwei Tage bis sich hunderte Kameras, zig juwelenbehängte Milliardärsgattinnen und einige Hollywood-Diven als Sahnetupfer vor einem schmalen Laufsteg versammeln werden. Etwa eine Viertelstunde lang werden dann sträflich überbezahlte Models die neuesten Haute-Couture-Kreationen vorführen. Länger dauert der Auftritt nicht. Die Bilder aber werden hinaus in die Welt gehen, und sie werden wieder die alte Geschichte erzählen: jene der Metamorphose zaundürrer Mädels in engelsgleiche Wesen. Karl Lagerfeld wird strahlen und mit ihm die Augen all jener, die seine Kleider sehen werden.

Jetzt, zwei Tage vor dem großen Auftritt, sieht Karl ziemlich müde aus. Mit seinen dunklen Sonnenbrillen und den engen weißen Jeans steht er mitten in Chanels Couture-Atelier in der Rue Cambon. Besuch ist da: Franca Sozzani und Suzy Menkes. Sie seien "alte Freundinnen" von Karl, flüstert einem das PR-Mädel ins Ohr, aber natürlich verhält es sich ein bisschen anders. Frau Sozzani bestimmt die Geschicke der italienischen Vogue, Frau Menkes ist die weltweit wichtigste Modekritikerin und schreibt in der International Herald Tribune. Ihre Meinung soll zwei Tage später so positiv als möglich ausfallen. Deswegen hat Karl die beiden Diven während der letzten Anprobe zum Privattermin gebeten. Eine Ehre. Der Besucher aus Österreich darf auch zusehen.

"Karl my dear, no."

Nacheinander spazieren die Models herein. Man berät sich über den passenden Kopfschmuck, und ob das Kleid nicht doch noch ein bisschen enger gemacht werden sollte. "Karl my dear, no.", sagt Menkes, "No. No." Sozzani blickt gelangweilt. Erst als Sasha Pivovarova hereinspaziert, erwacht sie zum Leben. Die Models bisher waren bloße Nummern, doch Sasha ist selbst ein Superstar. Seit mehreren Saisonen ist das Mädchen aus Moskau das offizielle Gesicht von Prada und auf jedem zweiten Laufsteg zu sehen. Dementsprechend aufmerksam ist die Begrüßung. Das Tweed-Kostüm sitzt toll an ihr, Assistenten nesteln ihr eine Kapuze über den Kopf, am Ärmelaufschlag und am Kragen stecken unzählige Federn. In diesem Outfit wird sie zwei Tage später bei Nieselregen Chanels Haute-Couture-Show eröffnen. Der letzte Schritt nach abertausenden von Arbeitsstunden - in Chanels eigenen Couture-Ateliers und in jenen all der Zulieferbetriebe: dem Federspezialisten Lemarié, dem Schuhmacher Massaro oder der Stickerei Lesage.

Die Kleider, die die Models tragen, sind nämlich handgemacht: Haute Couture, die Königsdisziplin der Mode. Nur mehr wenige Pariser Häuser leisten sich diesen Luxus. Die Klientel ist über die Jahre hinweg geschrumpft, die Kreationen wurden gleichzeitig immer pompöser und untragbarer. Ausladende Stickereien, filigrane Spitzenarbeiten, Rüschen und Federn. Hauptsache aufwändig, Hauptsache luxuriös. Ein skurriler Kostümball für Auserwählte, sagen Spötter. Bei Chanel ist man anderer Meinung: Hier ist die Couture nicht nur zur Imagebildung da (um anderweitig viele Parfüms, Taschen und Lippenstifte zu verkaufen), bei Chanel gehören die Einzelanfertigungen (Preise ab etwa 30.000 Euro) zur Kernkompetenz des Hauses. Sie sei sogar hochprofitabel, munkelt man. Zahlen veröffentlicht das diskrete Haus keine. Der Blick hinter die Kulissen ist nur Auserwählten erlaubt. Seit Chanel einen Zulieferer nach dem anderen aufgekauft hat, gibt man sich jedoch kommunikativer. Schließlich hat man die alten Handwerksbetriebe vor dem sicheren Tod gerettet. Altruismus war dabei das kleinste Motiv.

Ein Hinterhof im neunten Arrondissement. Hier ist das Reich von Francois Lesage, einer Pariser Institution. 79 ist der kleine, rundliche Mann bereits, doch seine Stickerei führt er immer noch selbst. Alle namhaften Couturiers sind bei ihm Kunden - 100 Millionen Pailletten versticken die etwa 50 Mitarbeiterinnen jedes Jahr. Jetzt, einige Tage vor den Schauen, herrscht Hochbetrieb. Allein sechs Stickerinnen sind seit dem frühen Morgen über ein etwa einen Quadratmeter großes Stoffstück gebeugt. Jede einzelne Perle wird mit der Hand angenäht. Noch haben sie nicht einmal die Hälfte geschafft. "Karl schickt uns seine Skizzen immer erst einige Wochen vorher", grummelt Lesage in sich hinein.

Farbstriche und Notizen

Karls berühmte Skizzen: Mit ihnen hat Lesage über die Jahrzehnte hinweg gelernt umzugehen. Sie sind das Hauptmedium, durch das Lagerfeld mit seinen Mitarbeitern kommuniziert. Einige Farbstriche, einige sparsame Notizen, das ist der Anfang einer jeden Kreation. Der Rest ist der Fantasie der Mitarbeiter überlassen. "Ich bin so etwas wie ein Übersetzer", erklärt Lesage nicht ohne Stolz: "Ich kriege die Skizze und ich fertige daraufhin einen Prototypen an. Karl sagt dann, was er darüber denkt." Mehrmals am Tag eilt Lesage zwischen seinem Atelier und jenem von Chanel hin und her. Auch jetzt klingelt wieder das Telefon. Chanel, seufzt Lesage, und hat es dann plötzlich eilig.

Lagerfelds Kreationen sind diese Saison besonders aufwändig, manche Kleider über und über mit Perlen, Kamelien (Chanels Trademark) und Stickereien versehen. Doch auch die anderen Häuser stehen Spalier, auch Dior und Lacroix drängen, dass ihre Kleider rechtzeitig fertig werden. Als Chanel Lesage im Jahre 2002 kaufte, machte man das unter der Voraussetzung, dass sich prinzipiell nichts ändern sollte. Das Atelier sollte auch weiterhin neben Chanel die anderen Couture-Häuser beliefern. Chanel ging es darum, die eigenen Grundlagen abzusichern. Ohne Handwerksbetriebe gibt es schließlich keine Haute Couture. Und die Ateliers sind ohne fremde Hilfe kaum mehr profitabel zu führen.

Schlichte Pumps

Anderntags in der Rue Cambon: Neben Madame Jacqueline, Madame Cecile und Madame Martine, den Leiterinnen der berühmten Chanel-Ateliers (ihnen widmete ARTE vor wenigen Jahren eine eigene Doku-Serie) sind auch Francois Lesage und Raymond Massaro zum letzten Fitting mit Karl erschienen. Letzterer ist Lagerfelds persönlicher Schuhmacher. In seinem Atelier nahe des Place Vendome fertigt er die Couture-Modelle für Chanel. Schlichte Pumps sind es diesmal, acht Zentimeter hoch. Der Clou liegt in den aufschnallbaren Stulpen. Sie reichen bis über die Knie. Viele Kritiker werden sie zwei Tage später mit Stiefeln verwechseln.

"Über 600 Schuhmacher gab es früher in Paris", sagt Massaro, "heute kann man ihre Zahl an einer Hand abzählen." Der knapp 80-Jährige, der um einen ganzen Kopf kleiner ist als die Models, bewegt sich wie ein Wiesel durch das Ankleidezimmer. Nach so vielen Jahren im Modegeschäft hat er sich an alle Ausnahmesituationen gewöhnt. 1500 Schuhe fertigt sein Atelier im Jahr, mehr sind es nicht. "Coco war die erste, die die Bedeutung von Schuhen erkannte." Seitdem sind viele Jahrzehnte vergangen. Die Haute Couture wurde zum Nischenprogramm - zu einem Anachronismus in Zeiten der umfassenden industriellen Fertigung. Für ihre Protagonisten ist sie noch immer der Olymp der Mode.

"Monsieur Massaro" tönt es aus dem Nachbarzimmer. Karl Lagerfeld hat mittlerweile die Teestunde mit den Damen von der Presse beendet. Eine Änderung müsse gemacht werden. Noch ist genügend Zeit. Die Show beginnt erst in 42 Stunden. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/13/07/2007)

  • Beispiele aus der gerade präsentierten Couture-Kollektion.
    foto: chanel

    Beispiele aus der gerade präsentierten Couture-Kollektion.

  • Artikelbild
    foto: chanel
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