Alltagsdesign

14. Juli 2007, 17:00
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Mit ihrem Projekt "Pneo" stellt sich die junge Designerin Aleksandra Konopek in den Dienst der Mission "schöner wohnen" im Weltraum

Sie forderten mehr Schlaf, humane Arbeitszeiten und ein Fenster zum Rausschauen. Bei ihrer Mission im Jahr 1973 zerrten der enorme Zeitdruck und die beengten Lebensbedingungen an den Nerven der Skylab-Astronauten Gerald Carr, Edward Gibson und William Pogue. 1985 brach der Russe Wladimir Wasjutin wegen einer angeblichen Infektion seine Mission vorzeitig ab. Später fanden die Ärzte heraus, dass seine Beschwerden psychosomatisch waren - Wasjutin kam mit dem Leistungsdruck nicht zurecht.

Zwei Jahre später klagte Alexander Laveikin über Herzbeschwerden: Der Hintergrund war, dass sich der Kosmonaut mit seinem Partner Yuri Romanenko nicht verstand - auch sie eine Weltraumreisende am Rande des Nervenzusammenbruchs aufgrund extremer physiologischer und psychischer Belastungen.

Wegen der Schwerelosigkeit leiden Weltraumfahrer in den ersten Tagen unter Übelkeit und Erbrechen, die Körperflüssigkeiten verlagern sich in Oberkörper und Kopf. Das Gesicht schwillt zum "Puffy Face" an, die Beine werden dünn wie "Chicken Legs", und der Körper baut sofort Muskelgewebe und Knochen ab. Die Isolation und der Mangel an Rückzugsmöglichkeiten führen zu extremen Problemen und Handlungen innerhalb der Crew.

Lebenssituation im Orbit

So kehrten die Kosmonauten der Soyuz-21-Mission 1976 vorzeitig zurück, weil angeblich beißende Dämpfe aus dem Kontrollsystem traten. Ein Defekt wurde nie gefunden. Man vermutete, dass einige Crew-Mitglieder Halluzinationen hatten. Um die außergewöhnlichen Strapazen zu überstehen und die Besonderheiten der Situation in den Griff zu bekommen, beschäftigen sich zunehmend Human-Factors-Spezialisten und Weltraumarchitekten mit der Lebenssituation im Orbit. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Arbeitsabläufe und die besonderen Lebensumstände der Astronauten gelegt. Die Ergebnisse werden bei der Gestaltung der Raumstationen berücksichtigt. Sie sollen Konfliktpotenzial abbauen und positiv auf die psychische Lage und damit auf den Missionserfolg einwirken.

Sollte es tatsächlich eines Tages möglich sein, eine bemannte Raumstation zum rund 50 Millionen Kilometer entfernten Planeten Mars zu schicken, wäre dies in vielerlei Hinsicht eine heikle Angelegenheit. Die Astronauten wären mehr als drei Jahre im All unterwegs. Neun Monate würde der Hinflug dauern, und kämen die Astronauten tatsächlich an, müssten sie 550 Tage warten, um eine geeignete Flugbahn zurück zur Erde zu nehmen. Die bemannte Marsmission ist also kein Spazierflug. Mit den derzeit im Einsatz befindlichen Wohnmodulen der Internationalen Raumstation (ISS) wird man eine solche Strecke nicht bewältigen können. Das Leben in einer Tonne von zwei Metern Breite und zwölf Metern Länge ist alles andere als komfortabel: Die Schlafkojen, nur 80 Zentimeter breit, sind in Wandschränken untergebracht, die Astro-Küche liegt gleich neben der Toilette und der Gemeinschaftsraum inmitten eines Gewusels aus Kabeln und Schläuchen.

In der Raumstation von Aleksandra Konopek hingegen ließe es sich auch Wochen aushalten. Mit "Pneo" hat sie eine kugelförmige Raumstation entworfen, in der man auf rund 382 Kubikmetern und einem Durchmesser von neun Metern schöner wohnen kann. Für die 35-Jährige ist die Kugel die ideale Form für eine Raumstation: "Sie bietet mit der kleinsten Oberfläche maximales Raumangebot und ist die stabilste Form gegen äußeren Druck. Die Kugel hat aber immer auch etwas mit einem Kreis zu tun, mit einem Zentrum, in dem man sich geborgen fühlen kann", so die Gestalterin. Die "Konopek sphere", wie die Erfindung der Industriedesignerin in Fachkreisen mittlerweile genannt wird, ist faltbar, wird von einem gewöhnlichen Space Shuttle transportiert und wie ein Teil eines Stecksystems an die bestehende Internationale Raumstation angeschlossen. Mithilfe von Luftdruck entfaltet sich das innere Skelett pneumatisch, bis es seine runde Gestalt angenommen hat. Die Außenhaut besteht unter anderem aus Materialien wie Kevlar und aluminium-bedampftem Kaptongewebe, die eine schützende Wand gegen den Druck bilden.

"transhab"

Auf die Idee, das ganze zu falten, brachten die junge Wissenschafterin, die für ihren Entwurf mit dem Bayerischen Staatspreis für Nachwuchsdesign ausgezeichnet wurde, die Entwürfe der Amerikanerin Constance Adams. Die Weltraum-Architektin der NASA hatte bereits mit ihrer aufblasbaren Raumstation "transhab" erfolgreiche Versuche abgeschlossen. Auch Adams Modell ist großzügig angelegt: "Transhab" hat einen Durchmesser von sieben Metern und ist 14 Meter hoch. Die drei Ebenen werden durch eine Säule in der Mitte stabilisiert, in der Wassertanks, aber auch Schlafkojen, Besprechungsraum und Toiletten untergebracht sind. Allerdings ist der tatsächliche Bewegungsraum mit einer effektiven Breite von 2,5 Metern kaum größer als der der ISS. Zudem versperrt die Säule den Blick und schränkt dadurch das Raumgefühl ein.

"Mir ging es eben darum, den Bewohnern ein Raumgefühl zu vermitteln, das sie von der Erde kennen", erklärt Konopek, die ihr Modell auf dem Space Congress in Orlando und dem World Space Congress in Houston vorstellte. Wie Adams, entschied sich die Wuppertalerin für drei Ebenen, die man durch breite Spalten in der Mitte erreicht. Um die Ebenen zu wechseln, hantelt man sich in der Schwerelosigkeit an flexibel einsetzbaren Hand- und Fußschlaufen entlang. Im oberen Deck, gleich unter der Kuppel, befinden sich die Schlafkojen, deren Größe flexibel einstellbar ist. Das Mitteldeck ist gemeinsamen Aktivitäten vorbehalten. Hier gibt's eine Küche, den Besprechungsraum und eine kleine Werkstatt. Das untere Deck wird temporär genutzt. Auf diesem befinden sich Trainingsgeräte, aber auch Toiletten und Duschen, die die Bewohner sozusagen im Liegen benützen müssen.

Bei ihren Recherchen haben sich übrigens Vermutungen der Industriedesignerin in Sachen Weltraumflieger und Körperpflege bestätigt. "Astronauten", das hat Aleksandra Konopek in zahlreichen Gespräche mit Beteiligten herausgefunden, "sind zwangsläufig Drecksspatzen. Regelmäßiges Duschen ist da oben nicht erlaubt, da muss eben das Trockenshampoo herhalten."

Wie bodenständig das Leben rund 400 Kilometer über der Erde sein kann, zeigt sich auch hinter den Schränken und Maschinen an Bord der Raumstationen, wo es durch Feuchtigkeit immer wieder zur Bildung von Schimmel kommen kann. Um die Ausbreitung des Pilzes zu verhindern, wischen ihm die hochspezialisierten Wissenschaftler doch tatsächlich mit einem Putzfetzen hinterher. Auch das kann Alltag im Weltraum sein. (Anette Frisch/Der Standard/rondo/13/07/2007)

  • Mit mehr Gemütlichkeit für Weltraumreisende probiert es die Designerin im Rahmen ihres preis-gekrönten und faltbaren "Pneo"-Projekts.
    foto: vg bild kunst / a.konopek

    Mit mehr Gemütlichkeit für Weltraumreisende probiert es die Designerin im Rahmen ihres preis-gekrönten und faltbaren "Pneo"-Projekts.

  • Konopek
    foto: vg bild kunst / a.konopek
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