Ein Leben im Dienste der Erinnerung

12. Juli 2007, 17:09
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Der Leiter des Wiener Jewish Welcome Service ist gestorben - Als Brückenbauer und Ausnahmeerscheinung wird er allseits gewürdigt

Der elegante, fast 80-jährige Mann, der um die Mittagszeit oft von seinem Büro auf dem Stephansplatz die paar Schritte zum Café Europe hinüberging, wurde des Öfteren von ihm Unbekannten angesprochen. "Herr Professor Zelman, Sie haben vor Jahren in meiner Schule einen Vortrag gehalten, den habe ich nie vergessen," bekam der Holocaust-Überlebende zu hören.

Sein ganzes Leben nach der Befreiung aus einem Nebenlager von Mauthausen 1945 hat sich Leon Zelman gegen das Vergessen gestemmt. Und er hat versucht, zwischen den Menschen aus dem Land, aus dem so viele Verfolger stammten, und den Überlebenden unter den Verfolgten Brücken der Versöhnung zu bauen. In der Nacht auf Mittwoch ist Leon Zelman nach schwerer Krankheit im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien gestorben.

Erinnern als Aufgabe

Bis vor wenigen Monaten kannte er keinen Stillstand. In Wiener Cafés erklärte er Journalisten seine neuesten Projekte, von denen er die Politiker zu überzeugen versuchte, wie ein parlamentsnahes "Haus der Geschichte" zur Darstellung und Erforschung von Rassenhass und Intoleranz. Wenn er damit nicht durchkam, sparte Zelman auch nicht mit Kritik an den Sozialdemokraten, die für den in der Shoah zum Waisen gewordenen Buben aus dem polnischen Stetl Szczekociny Familienersatz und Heimat geworden waren.

Drei Grundsätze hat Zelman dabei immer wiederholt: Erstens, dass er als Überlebender seine Lebensaufgabe darin sah, die Erinnerung an die Shoah wachzuhalten. Zweitens, dass "Auschwitz nicht in Auschwitz begonnen" habe, dass man gegenüber allen Formen von Minderheitenfeindlichkeit wachsam sein müssen. Drittens ? und das betonte Zelman genauso oft ? dürfe man nicht übersehen, dass das Hitlerregime, etwa durch die Ermordung psychisch Kranker, "auch am eigenen Volk Verbrechen begangen hat".

Die Vorstellung einer Kollektivschuld lag ihm völlig fern. Und weil Zelman seine Botschaft mit einer viele Gesprächspartner unmittelbar einnehmenden Herzlichkeit vortrug, hatte er damit schon zu einer Zeit, als über die NS-Ära lähmendes Schweigen herrschte, positive Resonanz.

Die 1951 gegründete Zeitschrift Das Jüdische Echo, deren Chefredakteur Zelman bis zuletzt war, entwickelte sich vom Mitteilungsblatt für Hochschüler zu einem einmal im Jahr erscheinenden "europäischen Kulturforum". Schon früh hatten darin Spitzenintellektuelle wie Friedrich Heer und Hilde Spiel geschrieben, auch in den vergangenen Jahren lieferte dort die Creme aus Politik und Publizistik Beiträge.

Im Ghetto von Lodz

Einmal beschrieb im Echo der Sohn des früheren NS-Bürgermeisters von Lodz bewegend, wie er als Erwachsener das Wiedersehen mit der Stadt erlebte, in dessen von den Nazis eingerichtetem Ghetto so viel Leid geschehen war. Leon Zelman wurde mit seinen Eltern und den um zwei Jahre jüngeren Bruder Schajek in dieses Ghetto gezwungen. Der Vater wurde getötet; später kam, völlig ausgezehrt, auch die Mutter um. Leon fühlte sich für den kleineren Bruder verantwortlich. Um später, in Auschwitz, als arbeitsfähig zu gelten, machte er sich um zwei Jahre älter (auch nach 1945 stand in seinen Papieren 1926 als Geburtsjahr). Eines Morgens war Schajek weg. Die Nazis hatten ihn ins Gas geschickt.

Der schwer geschockte Leon geriet, wie er in seinen vom Falter-Chefredakteur Armin Thurnher aufgeschrieben Erinnerungen ("Ein Leben nach dem Überleben") beschreibt, in Todesmärschen in das zum "Archipel Mauthausen" gehörende Lager Ebensee. Am 6. Mai 1945 wurde er, 178 Zentimeter groß und 38 Kilo leicht, von US-Soldaten befreit. Eigentlich hätte er ja in die USA ausreisen wollen, erzählte Zelman oft. Doch er litt an offener Tuberkulose und hatte damit Einreiseverbot.

So ging er nach Wien, holte in Kursen die Matura nach und studierte Publizistik. Bei einem Untersuchungstermin im Spital traf er Peter Strasser, damals Chef der Sozialistischen Jugend, bald auch Nationalratsabgeordneter und bis zu seinem frühen Tod 1962 eine große Hoffnungen der SPÖ. Der Kreis um Strasser, zu dem auch Heinz Nittel gehörte, nahm Zelman als einen der ihren auf. Er lernte ein vorurteilsfreies Österreich kennen und hörte nie auf, das weltoffene Wien zu preisen und überall, auch in den USA und in Israel, zu verteidigen. 1980 begann Zelman mit Unterstützung der Stadt Wien mit dem "Jewish Welcome Service", zunächst zur Förderung des Tourismus mit Israel.

Die Brücke brach

Für Zelman schien die Zeit für eine große Auseinandersetzung mit der Vergangenheit reif zu sein. 1984 initiierte er in Wien die Ausstellung "Versunkene Welt" über die Stetl seiner Kindheit. Doch schon 1985 bekam die Brücke einen Knacks, als der damalige Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager den aus italienischer Haft freigelassenen Kriegsverbrecher Walter Reder per Handschlag begrüßte, was weltweite Proteste zur Folge hatte. In den Jahren danach, mit der Waldheim-Affäre und dem Aufstieg Jörg Haiders, stürzte für Zelman eine Welt ein. Doch statt aufzugeben, holte er immer mehr jüdische Überlebende und deren Kinder zu Kurzbesuchen nach Wien, um ihnen sein anderes Österreich zu zeigen.

Sein letztes Projekt, das "Haus der Geschichte", das er im Ringstraßen-Palais Epstein verwirklicht sehen wollte, konnte er trotz aller Bemühungen nicht durchsetzen. Dafür gab es für den aus dem Stetl Gekommenen, den die Nazis auslöschen wollten, gegen Ende seines Lebens zahlreiche Ehrungen, die er dankbar annahm. Das Große Ehrenzeichen der Republik war darunter, auch ein Goldene Doktordiplom, das ihm die Uni Wien übergab. Streitbar und kaum zu bremsen brachte er bei solchen Gelegenheiten seine Botschaft an, "dass wir weiter gegen Hitler kämpfen müssen ? weil wir nicht erlauben dürfen, dass auch die Erinnerung vernichtet wird". (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2007)

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    Ob vor Schülern oder vor Politikern, stets brachte Leon Zelman seine mit dem Angebot der Versöhnung verbundene Botschaft an, die von Nazis begangenen Verbrechen und deren Vorgeschichte nicht zu vergessen.

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