Festivalrückblick: Die Mentalität der "Sektion Jazz"

11. Juli 2007, 17:28
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Zum Ende des 17. Wiener Jazzfests: Ein Nachdenken über eine Neuorientierung wäre angebracht

Wien – Der Jazz riecht nicht nur sprichwörtlich schlecht, er verkauft sich auch so. Das bildet sich im Markt ab, in dem Jazzmusik mit all ihren Aufweichungserscheinungen wie Norah Jones und dem schon ein eigenes Genre begründenden Lulu-Jazz, also einer Richtung James Last hin gedeuteten Plätscher-Musik, die unter anderem die DJ-Kultur der letzten zehn Jahre verantwortet, bei rund fünf Prozent liegt. Etwas mehr zieht die Volksmusik, der Rest ist im Wesentlichen Pop.

Dementsprechend schwer tut sich das heute zu Ende gehende Jazzfest Wien, das seit Jahren denselben Etikettenschwindel betreibt wie sein Vorbild, das Jazzfest von Montreux, bei dem heuer bekannte "Jazzgrößen" wie Motörhead oder die Chemical Brothers auftreten, ein halbwegs zu rechtfertigendes Programm zu präsentieren. Erschwerend kommt beim Wiener Jazzfest dazu, dass es kaum programmadäquate Auftrittsorte anbietet. In der auch heuer wieder zweckentfremdeten Staatsoper wurden vom Jazzfest Preise verlangt, die noch die ärgsten "Die Hard"-Fans abschreckten. Geboten wurde im Haus am Ring meist zart geriatrisch anmutender Pop, wie Auftritte von Brian Wilson oder Paul Anka zeigten.

70 Euro im Parkett kostete Beach Boy Wilson, viele Logen waren angesichts solcher Beträge nur bescheiden besetzt. Das Programm 2007 war der übliche Mix aus wenigen tatsächlich erlauchten Acts und vielen auf breite Absicherung hin gebuchten Stars von gestern und vorgestern – Dionne Warwick! – sowie solchen, die mit großer Absehbarkeit immer wiederkehren – siehe George Benson und Al Jarreau.

Den dafür Verantwortlichen, Fritz Thom und seiner rechten Hand Heinz Krassnitzer, wird deshalb von den nicht als Medienpartnern gewonnenen Zeitungen seit Jahren Visionslosigkeit und latente Uncouragiertheit vorgeworfen. Unter Wiener Veranstaltern spricht man gar von der "pragmatisierten Sektion Jazz", die von der Stadt Wien heuer mit 345.000 Euro unterstützt wird.

Wer sich, wie der Standard, erdreistete, etwa den wenig sexy wirkenden Parkplatz der Wiener Fernwärme, eines Partners des Jazzfests und deshalb Austragungsort von Konzerten – für die sich die Fernwärme heuer den Dinosaurier Roger Chapman wünschen durfte –, infrage zu stellen, wird mit Zensurversuchen konfrontiert. Diese Berichterstattung sei "kontraproduktiv", meinte Heinz Krassnitzer und untersagte dem Standard-Fotografen Christian Fischer die Arbeit beim Konzert. Das passt als Sittenbild bestens zum Programm.

Vielleicht sollte die Stadt Wien, die im Jazzfest zu Recht ein kulturelles Aushängeschild sieht, über eine Neuorientierung desselben nachdenken. Bei der Gelegenheit könnte man jemanden damit betrauen, der mit weniger Schrebergartenmentalität zur Sache schreitet, als es seit Jahren der Fall ist. Das würde der Stadt und dem Festival nützen. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.7.2007)

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    Star beim 17. Wiener Jazzfest: Dionne Warwick

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