Londoner Altmeister-Auktionen: Rufina kehrt zürück

11. Juli 2007, 17:00
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Spanien hat Österreich einiges voraus: Sevillanos nämlich, die bereit sind, für Ikonen der kunsthistorischen Stadtchronik bedeutende Summen Geldes zu mobilisieren

London – Zu den exakt 4023 seit Anfang des Jahres bis inklusive Ende Juni verzeichneten Künstlerrekorden gesellten sich vergangene Woche weitere. Allein in den Abendauktionen der Sparte Alte Meister stellten Sotheby's (4. Juli) und Christie's (5. Juli) je vier Rekordzuschläge.

Zwar nicht den höchsten, aber jenen mit der wohl eindrucksvollsten Hintergrundgeschichte seit Langem verzeichnete Sotheby's mit Velasquez "Porträt der Heiligen Rufina" (Saint Rufina). Der Legende nach sollen Rufina (= die Rothaarige) und ihre Schwester Justa (= die Gerechte) Töchter eines Töpfers gewesen sein, die mit dem Erlös aus dem Gewerbe ihres Vaters für Arme sorgten.

Bei einer heidnischen Prozession zerstörten sie die Prozessionsfigur der syrischen Göttin Salambo, wurden festgenommen und gefoltert. Justa ertränkte man im Brunnen, Rufina wurde enthauptet und verbrannt.

Die Märtyrerinnen wurden zu den Schutzpatroninnen von Sevilla. Und Diego Rodriguez de Silva y Velásquez zählt als späterer Maler am Hofe des spanischen Königs Philipp IV. in Madrid wohl zu den berühmtesten Söhnen der Stadt. Als bekannt wurde, dass Velásquez' um 1630 gemaltes Porträt der Heiligen Rufina am 4. Juli bei Sotheby's zur Auktion gelangen sollte, startete das Rathaus kurzerhand die Aktion "Velazquez für Sevilla".

Teure Heimkehr einer Schutzpatronin

Ein Fundraising-Konto wurde eröffnet, über Plakate und riesige Rufina-Planen wurde ebenso um Spenden ersucht, wie über eine Videoleinwand während eines spanischen Fussballbundesliga-Schlagers. Schließlich griff das spanische Energieunternehmen Abengoa SA der 700.000 Einwohner zählenden Metropole unter die Arme: 8,42 Millionen Pfund oder umgerechnet rund 12,43 Millionen Euro ließen sich die Andalusier die Heimkehr der Schutzpatronin kosten.

Rechtzeitig für die Feierlichkeiten am 19. Juli übrigens, dem Gedenktag Rufinas, die künftig im Stadtmuseum zu sehen sein wird. Und exakt an dieser Stelle sei das Wehklagen rund um die Bloch-Bauer-Klimtbilder erinnert, denn dem Jammern folgte kein Aktionismus, wie der Babenberger Leopold III., Patron von Österreich und auch Wien, vermutlich kaum ähnliches Engagement erwarten dürfte. Das erst seit vergleichsweise kurzer Zeit dem Barockmaler Velásquez zugeschriebene Werk – 1925 wurde es bei Christie's (950 Guineas) ebenso als Murillo versteigert wie bei Parke-Bernet 1948 in New York (8000 Dollar) – weist eine komplexe Provenienzgeschichte auf.

Der jetzige Einbringer hatte es 1999 bei Christie's in New York für 8,9 Millionen Dollar, umgerechnet 5,4 Millionen Pfund, erworben. Bisher der einzige Eintrag in der amerikanischen Kunstpreisdatenbank Artprice übrigens, die internationale Auktionsergebnisse seit den 1980er-Jahren listet.

Stolze Steigerung um 41 Prozent

Der simple Grund: Velásquez Werke befinden sich hauptsächlich in Museumssammlungen. Die aktuelle Taxe war bei sechs bis acht Millionen Pfund gelegen. Besonders engagiert gab sich bei der abendlichen Sitzung im Auktionssaal von Sotheby's jedenfalls der Kunsthandel, der sechs der zehn höchsten Zuschläge des Abends bewilligte.

Mit insgesamt 385 Hammerschlägen bilanzierte Sotheby's nach vier Sales, davon drei im Haupthaus und einer in der Dependance Sotheby's Olympia, mit einem Total von 45,22 Millionen Pfund oder 66,98 Millionen Euro. Dies entspricht einer Steigerung im Vergleich zum Vorjahr von stolzen 42 Prozent.

Kontrahent Christie's fand am 5. Juli mit weit weniger Aufwand sein Auslangen. Auch dank eines ehemaligen Albertina-Direktors. Ausgestattet mit der Expertise des Raffael-Monografen Konrad Oberhuber aus dem Jahr 1971, das aus einem zugeschriebenen ein authentisches Werk von Raffael Santi machte, erklomm das als letzte Position aufgerufene Christie's-Highlight innerhalb weniger Minuten den höchsten Zuschlag der Woche. Statt der erwarteten zehn bis 15 Millionen Pfund gefiel das Porträt Lorenzo de' Medicis einem privaten Telefonbieter bis zu 18,5 Millionen Pfund, umgerechnet 27,34 Millionen Euro.

Zur Freude des verantwortlichen Chefexperten Richard Knight überflügelte man damit den hauseigenen Rekord um Sphären: 1996 hatte man für eine Kreidestudie in London 5,28 Millionen Pfund eingespielt, bis vergangene Woche der höchste in einem Auktionshaus erzielte Preis für ein Kunstwerk Raphaels.

Für weitere Rekorde des Sales zeichnete der kauffreudige Handel verantwortlich: Für 4,49 Millionen Euro sicherte sich Otto Naumann eine Pieta des Bolognesers Domenichino, für das "Porträt einer Dame" von Lucas Chranach II. bewilligte der englische Handel entgegen der angesetzten Taxen (500 bis 700.000 Pfund) stolze 2,67 Millionen Euro, und für die Darstellung von Venus & Cupid des Niederländers Ferdinand Bols weitere 1,46 Millionen Euro.

Obwohl die Verkaufsquote mit 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (80 Prozent) eher verhalten blieb, summierten sich die 55 Besitzerwechsel deutlich lukrativer auf 41,54 Mio. Pfund (2006: 27,43 Mio) bzw. umgerechnet 61,39 Mio. Euro (2006: 39,51 Mio). (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.7.2007)

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    Sevilla fand einen Sponsor für das von Velásquez gemalte Porträt der Schutzheiligen Rufina.

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