"Freud hat erkannt, dass Frauen sexuelle Wesen sind"

18. Juli 2007, 18:41
6 Postings

Margarete Mitscherlich, berühmte deutsche Psychoanalytikerin und Vorkämpferin der Frauenbewegung, wird 90

Frankfurt/Main - Am 17. Juli feierte die große deutsche Psycho-Analytikerin Margarete Mitscherlich ihren 90. Geburtstag. Mitscherlich gilt als Vorkämpferin der Frauenbewegung und wurde mit dem Buch "Die friedfertige Frau" berühmt.

Mit ihrem Leben sei sie rückblickend "ganz zufrieden", sagte Mitscherlich anlässlich ihres runden Geburtstages. "Ich lese viel, ich denke viel, ich schreibe viel, ich arbeite viel". Auch mit 90 behandelt sie noch immer PatientInnen und berät junge KollegInnen.

Biografisches

Geboren als Tocher einer deutschen Lehrerin und eines dänischen Arztes wuchs sie während der Nazi-Diktatur in Dänemark und Deutschland auf. Nach dem Medizin-Studium arbeitete sie vorübergehend in der Schweiz, wo sie Alexander Mitscherlich kennen lernte. Der Psychoanalytiker (1908-1982) war in zweiter Ehe verheiratet und Vater von vier Kindern. Ihren gemeinsamen Sohn zog Margarete Nielsen die ersten Jahre mit Hilfe einer Freundin und ihrer Mutter alleine auf - in den 50er Jahren ein Skandal. Später heiratete das Paar doch und begründete damit eine jahrzehntelange Liebes- und Arbeitsbeziehung, eine Lebens- und Denkgemeinschaft.

Gemeinsam schrieben sie für das Nachkriegsdeutschland prägende Bücher wie "Die Unfähigkeit zu trauern" (1967) über die kollektiven Verdrängungsmechanismen der Gesellschaft. Später wandte sich Margarete Mitscherlich der Frauenbewegung zu. In ihrem bedeutendsten eigenen Buch, "Die friedfertige Frau" (1985), legte sie dar, dass Frauen nicht von Natur aus weniger aggressiv seien, sondern ihr vermeintlich ausgleichendes Wesen nur erlernt haben.

Sich gegen sich selber durchsetzen

"Ich habe immer vertreten, dass Frauen sich nicht nur gegen Männer, sondern auch gegen sich selbst durchsetzen müssen", sagt sie in dem Interview-Band "Eine unbeugsame Frau" (Diana-Verlag). Zur Lila-Latzhosen-Fraktion gehörte die elegante Dame nie, die sich freimütig zu ihrer Vorbliebe für teurere Kosmetika bekennt. Ihre Definition von Emanzipation könnte ebenso für Männer gelten: "Eine emanzipierte Frau ist in der Lage, sich von vorgefundenen Werten und Vorstellungen über ihre Rolle zu distanzieren."

Freud und die Frauen

Psychoanalyse und Feminismus haben für Mitscherlich viel miteinander zu tun. "Freud hat als erster anerkannt, dass Frauen sexuelle Wesen sind." Freuds Lehren haben ihrer Meinung nach auch die Gesellschaft verändert: "Erst durch seine Arbeit haben wir die Möglichkeit (...) die Motive, die unserem Verhalten sowie die unbewussten Konflikte, die unseren Symptomen zu Grunde liegen, hervorzuholen" - und durch das analytische Gespräch zu verändern.

Positive Bilanz

Ihre Bilanz nach fast einem Jahrhundert wirkt fast ein wenig altersmilde: Aus dem faschistischen Deutschland ihrer Kindheit sei eine stabile Demokratie geworden, eine einstmals männerdominierte Gesellschaft habe immerhin eine Kanzlerin an die Spitze gewählt und die Grundbegriffe der Psychoanalyse kenne inzwischen jeder Taxifahrer, schloss Mitscherlich. (red)

  • Bild nicht mehr verfügbar
    Margarete Mitscherlich liest, denkt und schreibt auch noch mit 90 viel.
Share if you care.