Signale eines Rückzugsmanövers

21. Juli 2007, 18:05
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Militärhistoriker Frederick Kagan spricht als Einziger noch von Erfolg im Irak

"Gescheitert? Wie kann man jetzt schon behaupten, dass wir gescheitert sind?" Frederick Kagan klingt wie ein Prediger, der alles daransetzt, Schwankende bei der Stange zu halten. Während republikanische Parteifreunde das sinkende Schiff des Präsidenten verlassen, sitzt er vor einigen Dutzend Zuhörern im neokonservativen American Enterprise Institute und lobt George Bushs Beharrlichkeit.

Es war Kagan, der im Januar die Vorlage für den "surge" lieferte, das "Anschwellen", wie die Truppenaufstockung im Irak im Washingtoner Jargon heißt. "Den Sieg wählen", lautete damals der Titel seines Konzepts. Ein halbes Jahr später, da kaum noch jemand vom Siegen spricht, sondern Szenarien eines geordneten Rückzugs die Debatten bestimmen, bäumt sich der junge Militärhistoriker noch einmal auf.

"Sind wir so ungeduldig, dass wir nicht wenigstens noch ein paar Monate warten können?", ruft er empört in die Runde. "Unsere neue Strategie hat doch gerade erst begonnen, Früchte zu tragen." Erst seit Mitte Juni seien die 30.000 Soldaten, die Bush zusätzlich nach Bagdad und in angrenzende Provinzen beorderte, komplett vor Ort. Erst damit habe die Truppe ihre angepeilte Stärke von160.000 Mann erreicht. Und schon jetzt sei die irakische Hauptstadt sicherer geworden, sagt Kagan. "Wieso das Handtuch werfen, wenn es funktioniert?"

Für Skeptiker geht die geschönte Zwischenbilanz des Schreibtischstrategen völlig an der Sache vorbei. "Ich war im Mai in Bagdad. Die Lage ist schlimm. Wir müssen die Realität endlich zur Kenntnis nehmen." Olympia Snowe, republikanische Senatorin aus Maine, war die bislang Letzte, die sich dem parteiinternen Aufstand gegen Bush anschloss.

Auch David Petraeus, der neue Irak-Kommandeur, schlägt nüchterne Töne an. Nach seiner Schätzung könnte es neun bis zehn Jahre dauern, bis die Aufständischen besiegt sind. Es gibt derzeit niemanden in Washington, der sich vorstellen kann, dass noch 2016 oder 2017 GIs im Zweistromland stehen. Auch wenn das Weiße Haus entsprechende Pläne dementierte, klingt nicht auch die trockene Analyse des Generals nach Rückzugsmanöver?

Militärexperten geben zu bedenken, dass die Truppe gar nicht mehr in der Lage ist, das zu tun, was die Anhänger der Aufstockung von ihr erwarten. Spätestens im März oder April 2008 müssten die Einheiten ausgetauscht werden. Aber die Army ist zu ausgelaugt, um Ersatz zu garantieren. Bliebe als Alternative, die Einsatzzeiten im Krisengebiet zu verlängern, über das aktuelle Maximum von 15 Monaten hinaus. Angesichts von 3.600 toten und rund 10.000 verwundeten US-Soldaten sei das politisch nicht durchsetzbar, so James Miller, ein Kritiker Kagans, der neben dem geistigen Vater des "surge" auf dem Podium sitzt.

Auch Miller, Militärspezialist im Center for a New American Security, hat eine Studie verfasst. Sie handelt nicht von der Verstärkung, sondern der Reduzierung des Irak-Kontingents. Drei Kriterien sind es, die Amerika im Auge haben müsse. Erstens: Der Irak darf nicht auf Dauer zum "sicheren Hafen" für Al-Kaida werden. Zweitens: Regionaler Krieg, bei dem sich Sunniten und Schiiten in Nahost befehden, muss vermieden werden. Drittens: Völkermord, von schiitischen Machthabern in Bagdad an Sunniten verübt, darf nicht geschehen. Dies läge im nationalen Interesse der USA, sagt Miller. Mehr erreichen zu wollen, sei unrealistisch. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2007)

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    Frederick Kagan ist noch guter Dinge, George Bush weniger.

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