Wolfgang Wagners Wunschkandidatin

25. Juli 2007, 07:07
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Katharina Wagners Debut als Regisseurin von "Die Meistersinger von Nürnberg": Die 29-Jährige im STANDARD-Interview

Bayreuth – Die Frist ist um – singt der Fliegende Holländer alle sieben Jahr. Bei dem Drama um die Herrschaft auf dem Grünen Hügel scheint es so ähnlich zu sein. Der herrschende Patriarch, Richards Enkel Wolfgang, hält mit seiner Stellung gleich mehrere Intendantenrekorde. Auch den für Eigensinnigkeit.

Als der von allen öffentlichen Geldgebern, Freunden und Familienstämmen bestückte 24-köpfige Stiftungsrat vor sieben Jahren die Nachfolge für den mit lebenslangem Vertrag ausgestatteten Festspielleiter schon einmal ernsthaft auf der Tagesordnung hatte und Wolfgang seine Frau Gudrun gegen Wielands Tochter Nike (mit hinreichend wissenschaftlichem Nachweis) und seine eigene verstoßene Tochter Eva (mit einiger praktischer Erfahrung zuletzt in Aix-en-Provence) durchsetzen wollte, endete die Sache im Krach. Und alles blieb wie es war.

Zwar nahm man zu Protokoll, dass es leibliche Nachkommen Richards gibt, die den satzungsgemäßen Vorrang vor anderen Bewerbern beanspruchen könnten. Doch da ihnen die letztlich entscheidende Zustimmung Wolfgangs fehlte, wurde die Nachfolgekiste einstweilen wieder verschlossen, Wolfgang versteckte den Schlüssel und verblüffte die Gemeinde mit den szenischen Innovatoren von Marthaler bis Schlingensief, die ihm keiner so ohne Weiters mehr zugetraut hätte

Doch heuer sieht die Sache wieder anders aus. Die Kiste wird im Herbst erneut von ihm geöffnet werden. Denn diesmal gibt es eine geeignete Kandidatin, die neben den genetischen mittlerweile auch die fachlichen Voraussetzungen mitbringt und die obendrein noch die Wunschmaid des Alten ist.

Es ist Wolfgangs Tochter aus zweiter Ehe Katharina. Natürlich ist ihr anstehendes Regiedebüt auf dem Grünen Hügel mit den Meistersingern von Nürnberg auch ein Familienprivileg. Unter ihren bisherigen Arbeiten (dem Holländer in Würzburg, Lohengrin in Budapest, Waffenschmied in München und dem Trittico in Berlin) hat sich vor allem ihre Sicht auf das Werk des Urgroßvaters als eigenständig und selbstbewusst erwiesen.

Nun ist das natürlich keine Lizenz für die Festspielleitung. Man könnte auch ihre erst 29 Jahre gegen sie ins Feld führen, doch arbeitet sie seit zehn Jahren in der Festspielleitung mit. Einen Teil der jüngsten Entscheidungen darf man wohl getrost auf ihr Konto buchen. Sie selbst hat sich bislang im Nachfolgehickhack mit den Konkurrentinnen zurückgehalten. Damit ist es jetzt vorbei.

STANDARD: Frau Wagner, Ihr "Lohengrin" hatte in Budapest ja etliches in seinem Köfferchen verborgen, was man von diesem Helden nicht erwartet hätte. Muss man jetzt bei Sachs und Stolzing auch mit der Aufdeckung von dunklen Punkten rechnen?

Katharina Wagner: Die dunklen Punkte liegen eigentlich schon in der Partitur. Und ich bin sehr dicht an der Partitur, auch wenn mir da einige schreiend widersprechen werden. Stolzing ist zunächst musikalisch wahnsinnig innovativ. Und dann gleicht er sich brutal dem Mainstream an. Wenn man vergleicht, was der Mann im ersten und im dritten Akt liefert, so ist das künstlerisch ein gewaltiger Abstieg.

STANDARD: Ist Stolzing ein Opportunist?

Wagner: Das könnte man sagen, wenn man es böse formulieren will. Man könnte aber auch einfach sagen, dass er älter geworden ist. Oder, dass er ins Establishment will oder einfach einen gefüllten Kühlschrank. Jedenfalls wirft er seine künstlerischen Ideale über Bord. Für mich ist dieses Nürnberg ja ohnehin nicht die Stadt, sondern eine Geisteshaltung. Und die steht für ein traditionelles Verständnis und eine gewisse Regelhaftigkeit. In dieses starre System kommt der Fall Stolzing mit seinem gewaltigen innovativen Potenzial hinein. Und er stößt etwas an, was in der Prügelszene kulminiert.

STANDARD: Mit der Prügelszene gibt es ja etwas wie den Einbruch der Wirklichkeit auf die Bühne, da geht’s dann nicht mehr nur um Kunst, sondern um gesellschaftliche Werte ...

Wagner: Das geht zusammen. Beckmesser etwa entdeckt sein kreatives Potenzial. Und Sachs, der die ganze Zeit für die Lockerung, für die Innovation war, dem wird dieser Moment zu anarchisch. Deswegen sehe ich Sachs auch nicht so, wie ihn die meisten sehen, als den Weisen, Väterlichen. Im dritten Akt wird Sachs sogar immer reaktionärer, was dann in der Schlussansprache gipfelt. Das ist tatsächlich ein gesellschaftliches, politisches Phänomen. Sachs wünscht sich die guten alten Zeiten wieder. Das dann aber gleich noch extremer als die Meister im ersten Akt. Hier wird auch der rezeptionsgeschichtliche Hintergrund des Stückes deutlich. Sachs ist die Kunst an sich zu liberal geworden. Das verbietet er sich. Er baut sich in der Schlussansprache seinen eigenen Kunstbegriff auf. Das sind dann schon starke politische Querverweise, weil ja die Nazis nichts anderes getan haben.

STANDARD: Glauben Sie etwa, dass Wagner mit Beckmesser sympathisiert hat?

Wagner: Nein, das glaube ich nicht. Es ist aber legitim, es so zu sehen. Ich gehe davon aus, dass Walter und Beckmesser dieselbe Vorlage benutzen und Beckmesser sich nicht einfach versingt oder verheddert. Er interpretiert diese Vorlage nur ganz anders. Und zwar so, dass er den Geschmack der Massen überhaupt nicht trifft, während Stolzing ihn völlig trifft.

STANDARD: Wenn sich aber Stolzing so anpasst, wie Sie sagen, warum weist er dann die Ehrung durch Sachs zurück?

Wagner: Weil Sachs ihm zu extrem wird. Stolzing nimmt ja gerne alles an, das Establishment, den Applaus, auch den ganzen Kommerz, der da mit dranhängt. Doch Sachs will mehr von ihm. Dem geht es um einen politischen Gedanken. Er will die Kunst, die sich so verändert hat, "reformieren". Und da macht Stolzing nicht mit.

STANDARD: Ist es Ihnen gelungen, den mitunter hergestellten Kontext zwischen einem Erfolg der "Meistersinger" und der Nachfolgediskussion hier in Bayreuth auszublenden?

Wagner: Ja. Auch, weil die Verknüpfung Blödsinn ist, denn ein guter Regisseur ist nicht automatisch ein guter Festspielleiter und umgekehrt.

STANDARD: Wie sehen Sie denn die Rolle der Bayreuther Festspiele im allgemeinen Opernbetrieb und in der Wagner-Rezeption?

Wagner: Es ist ein Festival und eben kein Repertoirebetrieb. Daher kann die künstlerische Qualität hier höher sein. Die Bedingungen sind hier anders. Wir haben die Bühnenbilder, in denen reichlich geprobt werden kann. Diese Grundvoraussetzungen sind einfach gut. Hinzu kommt der Mythos, weil an diesem Ort eben nur Wagner gespielt wird.

STANDARD: Und wie sieht es aus mit der Stellung in der Wagner-Rezeption?

Wagner: Da sollte Bayreuth eine Vorreiterrolle haben. Das gilt natürlich für die szenischen Interpretationen. Aber es gilt auch für die musikalische Interpretation. Ein Christian Thielemann ist hier nicht wegzudenken. Aber ich könnte mir im Rahmen des Orchesters auch noch einige innovativere Griffe vorstellen. Mit Interpretationen neben Thielemann. Vielleicht auch mal mit Originalinstrumenten.

STANDARD: Da sind wir bei der Nachfolgedebatte. Rein praktisch tagt ja der Stiftungsrat im Herbst ...

Wagner: Da muss man aber differenzieren. Der Stiftungsrat kann das natürlich diskutieren, aber das heißt ja nicht, dass mein Vater aufhört ...

STANDARD: Wie sieht es denn mit Ihrem Konzept für die Leitung aus?

Wagner: Im Kopf habe ich es fertig, ja. Es gibt natürlich einige Dinge, die ich ändern würde.

STANDARD: Zum Beispiel?

Wagner: Na zum Beispiel, dass man beim Orchester innovativer herangeht. Auch in der Frage der Vermarktung. Wenn eine Produktion abgespielt ist, sollte man eine DVD produzieren. Man sollte auch so eine Art Opernstudio für junge Künstler etablieren.

STANDARD: Und der Werkekanon?

Wagner: Das ist so eine Frage, die oft falsch verstanden wird. Das kann ein Festspielleiter gar nicht so ohne Weiteres ändern. Das würde einer Änderung der Satzung bedürfen ... Stockhausens Lichtzyklus kann man überall aufführen. Man muss sich natürlich mit inhaltlichen Argumenten auseinandersetzen. Aber ich weise darauf hin, dass man dann den Mythos zerstören würde, und das halte ich schon für eine potenzielle Gefahr. (Joachim Lange, DER STANDARD/Printausgabe, 11.07.2007)

Zur Person:

Katharina Wagner, geboren 1978 als Tochter Wolfgang Wagners mit seiner zweiten Frau Gudrun, debütierte als Regisseurin 2002 mit einer provokanten Inszenierung des "Fliegenden Holländers" in Würzburg. Ihr Budapester "Lohengrin" fand, auch aufgrund der politischen Brisanz – der Verlegung nach Ungarn des Jahres 1956 – Anklang.
  • Hier geht’s weiter! Im Herbst soll die Intendanz-Nachfolge für Wolfgang Wagner in Bayreuth erneut diskutiert werden. Seine Wunschkandidatin: Tochter Katharina.
    foto: bayreuth

    Hier geht’s weiter! Im Herbst soll die Intendanz-Nachfolge für Wolfgang Wagner in Bayreuth erneut diskutiert werden. Seine Wunschkandidatin: Tochter Katharina.

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