Heldenplatz

10. Juli 2007, 19:04
10 Postings

(Aufenthaltsraum in einem Seniorenheim. Zwei betagte Männer in Rollstühlen ...

... Der erste verfolgt die 13-Uhr-Nachrichten im Fernsehen, der zweite verzehrt eine Apfeltasche.)

DER ERSTE: Eine Frechheit das. Da jubelt man ihm zu auf dem Heldenplatz, und dann packelt er mit den Russen.

DER ZWEITE: Ja, das war ein Fehler. Genauso wie das mit den Autobahnen. Aber ich bitte dich, das ist so lang her, da muss doch einmal Schluss –

DER ERSTE: Davon rede ich nicht. Ich rede von Schranz. Salzburg bewirbt sich um die Olympischen Spiele, der Kanzler ist den Tränen nahe, und was macht er? Er beratet den Putin. Und wer gewinnt? Sotschi. Ist auch kein Wunder. Ich erinnere mich gut, damals, wie er zurückgekommen ist aus Sapporo.

DER ZWEITE: Sotschi?

DER ERSTE: Der Schranz. Weil er nicht hat starten dürfen. Stundenlang sind wir gestanden auf dem Heldenplatz ... Haben gewartet, dass er heraustritt ... Ein Zusammenstehen war das, unvergesslich ... Und dann ist er auf den Balkon gekommen mit dem Kreisky und hat gewunken, und sofort war klar: Österreich ist arm ... Um den verdienten Erfolg gebracht durch dunkle Machenschaften ... Machtlos gegen die Übermacht ... In diesem Augenblick war er einer von uns ... Wir alle waren unser Österreich, von ihm bis hinunter ...

(Kurze Pause, dann bitter:) Und jetzt verratet er uns an die Russen ...

DER ZWEITE: Immer dasselbe.

DER ERSTE: Immer dasselbe, ja. Aber eines weiß ich: Ein drittes Mal gehe ich nicht mehr auf den Heldenplatz, egal wer heraustritt.

DER ZWEITE: Könntest auch gar nicht.

DER ERSTE: Trotzdem.


(Vorhang)

(Antonio Fian, DER STANDARD, Printausgabe, 11.07.2007)

  • Artikelbild
    derstandard.at/gedlicka
Share if you care.