Energie, die aus dem Küchenabfall kommt

10. Juli 2007, 18:49
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Alternative Technologien aus Österreich, um der der Erderwärmung gegenzusteuern: Forscher aus Steyr setzen auf Wasserstoff aus Biomasse

Um der Erderwärmung gegenzusteuern, fordern Umweltwissenschafter eine Dezentralisierung der Energiewirtschaft und mehr alternative Technologien. Mit solchen kann Österreich punkten. Forscher aus Steyr setzen etwa auf Wasserstoff aus Biomasse.


Steigender Energiebedarf auf der einen, steigende Temperaturen auf der anderen Seite. Dass internationaler Abkommen und staatlicher Versprechen zum Trotz kaum Auswege aus dem Klimadilemma beschritten werden, liege weniger an Technologie als an der Politik, kritisiert Naturwissenschafter und Umweltmanager Willi Sieber vom Österreichischen Ökologie-Institut.

Für ihn ist die Energiefrage heute "eine wesentliche Demokratiefrage und eine Frage nach verschiedenen Anbietern und Energieträgern". Siebers Vision: "ein völlig anderes Energieregime." Wie dieses aussehen sollte? Dezentralisiert, diversifiziert und über intelligente Netze miteinander verbunden.

Die global klimaschädlichsten aber wichtigsten Energieträger Öl, Gas und Kohle sind weltweit in den Händen weniger. Diese zentralistische Energiewirtschaft sei "Machtinstrument und politischer Faktor", erklärt Sieber. Dementsprechend gering fielen – mit Ausnahme von Österreich und weniger anderer Länder – die Förderungen für die Erforschung alternativer Energieträger und deren Nutzung aus.

Die großen Ölkonzerne investierten heute am meisten in alternative Technologien zur Energiegewinnung. Die Peak-Oil-Diskussion sei zwar noch nicht beendet. Doch auch wenn sich der Club of Rome in den 1970ern geirrt hat und die maximale Förderspitze – ab der das Öl definitiv ausgehen wird – erst 2030 erreicht würde: Irgendwann sei eben Ende. Und bis dahin? Den Chinesen zu sagen, sie sollen weniger Auto fahren, sei die sinnloseste Strategie. Gerade in wirtschaftlichen Aufsteigerländern werde der Energiebedarf weiter steigen. Und auch wenn alle Energiesparmaßnahmen umgesetzt würden – global steige der Energiebedarf weiter: der "Rebound-Effekt".

Dass jedoch Staaten wie China bis zum Ende der fossilen Energieträger diese mit herkömmlichen Technologien nutzen, kann sich Sieber nicht vorstellen: "Bis dahin ist das Land durch die Umweltverschmutzung unbewohnbar."

Veränderte Systeme

Systemänderungen seien daher unumgänglich. Und da diese meist erst nach zehn Jahren Wirkung zeigten, bedürfe es laut Sieber schnell Lösungen: Energieanbieter müssten in ihre Netze investieren, diese flexibler und offener für die Einspeisung von Energie von neuen, dezentralen Alternativanbietern machen. Neue Technologien gehörten entwickelt, das Problem Energietransport gelöst. Dazu bedürfe es Forschungsmitteln. Darüber hinaus müsse sich auch im Bereich Architektur und Bautechnik einiges tun. Der heutige Energiestandard Passivhaus gehörte durch das Aktivhaus ersetzt: "Man kann etwa zwei Hochhäuser so nebeneinander bauen, dass zwischen ihnen eine Thermik entsteht – aus dieser Windkraft kann Strom für beide Häuser gewonnen werden. Es gibt aber noch unzählige Möglichkeiten, aktiv, also energieeffizient, zu bauen", sagt Sieber.

In Forschungen zum Energietransport ist Österreich übrigens ganz vorn dabei: In mehreren vom Wissenschaftsfonds geförderten und in Fachmagazinen publizierten Projekten wird in Wien, Linz und Innsbruck an effizienten "Supraleitern" gebastelt: Damit soll dereinst Strom ohne elektrischen Verlust, ohne Widerstand geleitet werden können.

Vorn mit dabei

Aber auch bei alternativen Energien kann sich Österreich international sehen lassen. Wasserkraft spielt die wichtigste Rolle, gefolgt von Windkraft, Sonnenenergie und Biomasse. Die Umsetzung von Biomasse zu Biogas mit anschließender Stromerzeugung ist eine der am weitesten verbreiteten Biogastechnologien. Derzeit sind in der heimischen Landwirtschaft mehr als 200 Biogasanlagen in Betrieb, das Potenzial wird auf bis zu 6000 Anlagen geschätzt.

Inzwischen hat sich auch die Einspeisung von aufbereitetem Biogas in das Erdgasnetz als zukunftsträchtige Technologie positioniert. Und daneben wird – EU-weit – Wasserstoff als künftiger Energieträger erforscht. Allein: 90 bis 95 Prozent des Wasserstoffs werden heute großtechnisch aus fossilen Kohlenwasserstoffen, vor allem aus Erdgas, erzeugt. Nur der kleine Rest wird durch Elektrolyse – Zersetzung von Wasser mit Strom (der oftmals ebenso aus fossilen Energieträgern stammt) – hergestellt. Klimatechnisch also nicht sonderlich zukunftsträchtig.

Doch stellt Biomasse (Kartoffelschalen, Obst- und Gemüseabfälle) eine mögliche neue Ressource dar – das oberösterreichische Forschungsunternehmen Profaktor aus Steyr arbeitet jedenfalls im Rahmen eines EU-Projektes derzeit daran, diese Quelle effizient zu nutzen: Es will in den nächsten Jahren Technologien zur direkten Erzeugung von Wasserstoff aus biogenen Materialien erforschen.

Schwerpunkt liegt dabei auf der Fermentation von Biomasse bei niedrigen Temperaturen. Dabei wird der bei der anaeroben Vergärung als Zwischenprodukt entstehende Wasserstoff vom Methan entkoppelt und als Endprodukt gesammelt. Der Wirkungsgrad dabei ist jedoch nicht überzeugend, der Anteil an Wasserstoff im Gas beträgt nur etwa 60 Prozent. Daher sollen die ebenfalls entstehenden organischen Säuren in einem weiteren photobiologischen Schritt ebenfalls in Wasserstoff umgewandelt werden, dann soll der Gehalt mindestens rentable 75 Prozent betragen. Für 2008 plant Profaktor den ersten Prototyp einer solchen Anlage. Ziel sei "die dezentrale Bereitstellung von Wasserstoff aus Biomasse, die vor Ort zur Verfügung steht". Zum selben Preis wie Rohöl. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.7. 2007)

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    Die Energie aus dem alten Apfel: Biomasse soll in einem Profactor-Forschungsprojekt die Basis für die Entwicklung von Wasserstoff sein.

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