Mehr zaubern, bitte!

10. Juli 2007, 19:06
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Österreich dürfte die einzige Industrienation sein, die über kein Science Center verfügt. Noch. Zwei Städte bereiten sich vor

In Salzburg und Wels wird schon heftig geplant, das Science-Center-Netzwerk ist bereits auf Tournee. Die Mission lautet: Kinder und Jugendliche für Naturwissenschaften und Technik begeistern.


"Lassen Sie uns nicht zurückblicken", sagt Margit Fischer. Seit Mitte der Neunzigerjahre hat die heutige Bundespräsidentengattin mehrmals versucht, in Wien ein Science Center zu gründen. Erfolglos. War die Idee zu neu? Waren die Kosten zu hoch? Wollte man der Politikergattin den Erfolg nicht gönnen? Margit Fischer will darüber nicht spekulieren. Sie möchte nach vorne blicken. Sie hat aus der Not eine Tugend gemacht und letztes Jahr das Science-Center-Netzwerk gegründet, in dem sich über fünfzig Einrichtungen aus ganz Österreich (vom Ars Electronica Center über die Österreichische Akademie der Wissenschaften bis zum Zoom Kindermuseum) zusammengeschlossen haben, um Erfahrungen und Kompetenzen zu bündeln – und gemeinsame Aktionen zu starten.

"Erlebnis Netzwerke"

Passend zur eigenen Struktur schicken die vereinigten Wissenschaftsvermittler die Wanderausstellung "Erlebnis Netz(werk)e" zu ihren Mitgliedern auf Bundesländertour. Von Spinnennetzen über Wassernetze bis hin zu sozialen Netzwerken reicht das Themenspektrum. Erster Halt ist die "inatura Dornbirn", wo bis 22. Juli 2007 insgesamt zehn interaktive Stationen zum Herumexperimentieren einladen. Als nächste Station folgt ab 23. August Gmunden.

Ein Anfang. Und doch ist Österreich punkto Science Center nach wie vor ein Entwicklungsland. In anderen westeuropäischen Ländern gibt es schon seit Jahren, ja Jahrzehnten Wissenschaftsausstellungen, in denen die Besucher selbst Hand anlegen dürfen. In Deutschland existieren je nach Zählweise etwa ein halbes Dutzend Science Center, aber auch in der kleinen Schweiz gibt es mit dem Technorama in Winterthur und der Kindercity in Volketswil bereits zwei.

Anders als im vitrinenhaltigen Museum, in dem Sehen und Lesen die Modi der Aneignung sind, geht es im Science Center um das unmittelbare körperliche Erleben. Hier werden Köpfe gedrückt, Bildschirme betastet und Experimente in Gang gesetzt, es ruckelt, flackert und flimmert, manchmal zischt und knallt es auch. Über die Sinne soll der Kopf erreicht werden, und zwar in erster Linie jener von Kindern und Jugendlichen – auf dass sie Spaß an Naturwissenschaft und Technik finden, denn Forschung und Wirtschaft klagen europaweit über fehlenden Nachwuchs an Physikern, Chemikern und Ingenieuren. Auch in Österreich geben sich Politiker und Industriekapitäne besorgt, nicht zuletzt wegen der hierzulande besonders niedrigen Frauenquote in technischen Fächern. Und nehmen nun doch Geld in die Hand: In Salzburg und Wels haben die Planungen den "point of no return" erreicht.

Etwa 2000 Quadratmeter groß ist die geplante Erweiterung des Hauses der Natur in Salzburg. (Zum Vergleich: Im "Phaeno" im deutschen Wolfsburg sind es 9000 Quadratmeter.) Ein Gebäude des früheren Museums Carolinum Augusteum wird übernommen und adaptiert. "Auf die Größe kommt es überhaupt nicht an", sagt Direktor Eberhard Stüber: "Wir wollen in der Kunststadt Salzburg einen Gegenpol bilden."

Ein klassisches Naturkundemuseum erhält also ein Science Center. Finanziert wird der neun Millionen Euro teure Umbau zu gleichen Teilen von Stadt und Land. Für die Einrichtung – budgetiert sind zwei Millionen – werden noch Sponsoren aus der Wirtschaft gesucht. Inhaltliche Schwerpunkte werden Grundlagen der Physik, (erneuerbare) Energie, Sport und Gesundheit, Erde/Klima sowie Flugtechnik sein.

Stüber plant auch eigene Labors, in denen Jugendliche unter Anleitung experimentieren können, inklusive Fördergruppen für besonders Begabte. Dass ein Science Center nicht nur personal-, sondern auch materialintensiv ist, weiß Stüber: "Es wird sicher viele Reparaturen geben." Aufsperren wird das Experimentarium 2009.

Pragmatische Größe

Damit liegt Salzburg vor Wels. Die ursprünglich für 2009 angepeilte Eröffnung des dortigen Science Centers wurde mittlerweile auf das erste Quartal 2010 verschoben. Insgesamt 5000 Quadratmeter Gesamtfläche seien nicht übermäßig viel, sagt Markus Borgmann, aber eine pragmatische Größe. Mit einem Budget von 20 Millionen Euro – Geldgeber sind zu gleichen Teilen das Land Oberösterreich und die Stadt Wels – sei seriöserweise nicht mehr drin, so der Geschäftsführer der OÖ Science Center Wels Planung GmbH.

Das Science Center Wels – getauft ist das Kind noch nicht – wird Teil von "EnergyLand", das derzeit auf dem Gelände der Messe Wels entsteht und Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen sowie Unternehmen vereinen soll. Im Gegensatz zu herkömmlichen Science Centern wird es in Wels also einen thematischen Schwerpunkt geben. Man will etwa simulieren, wie Öl und Gas gewonnen werden, und zeigen, was fossile und erneuerbare Energieträger unterscheidet.

Im Frühjahr wurden in einem Wettbewerb die Betreiber ausgewählt. Das Rennen machte ein Ausstellungsmacherkonsortium, bestehend aus drei Schweizern und einem Deutschen, die nun den Komplex Energie und Nachhaltigkeit auf Hands-on-Exhibits herunterbrechen müssen. Im nächsten Monat soll der Architektenwettbewerb ausgeschrieben werden. Für das erste Jahr wünscht man sich 250.000 Besucher.

Spaß werden die jüngeren unter ihnen wohl haben – aber ob das reicht, um sie für Festkörperphysik oder Maschinenbau zu gewinnen? "Es bleibt mit Sicherheit mehr hängen als bei einer Sony-Spielkonsole", glaubt Markus Borgmann: "Wichtig ist, dass gerade die Schulbesuche gut vor- und nachbereitet werden." Auch Eberhard Stüber ist überzeugt, dass Faszination eine Voraussetzung für ein vertieftes Interesse ist – und erinnert sich mit Grauen an seinen eigenen Physikunterricht. "Der war schrecklich – ich wünschte, unser Lehrer hätte mehr gezaubert." (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.7. 2007)

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    Kein Hokuspokus: Das Science Center in Bremen hat sich als Geschenk verpackt. Wie lange wird es noch dauern, bis sich Kinder über das erste richtige Science Center in Österreich freuen dürfen?

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