Wenn der Wald ins Hecheln kommt

10. Juli 2007, 16:35
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Bei Temperaturanstieg nimmt der CO2-Ausstoß des Waldbodens zu

Der Boden, der unser aller Lebens- und Nahrungsgrundlage ist, funktioniert ein bisschen wie ein riesiges Tier: Auch die in ihm ablaufenden Vorgänge verbrauchen Sauerstoff und produzieren Kohlendioxid. Wie neueste Forschungen zeigen, könnte dieses Tier im Zuge des Klimawandels ganz schön ins Hecheln kommen und die globale Erwärmung dabei weiter antreiben.

Wenn die Wissenschaft von Bodenatmung spricht, sind vor allem die Aktivitäten der darin enthaltenen Mikroorganismen gemeint. Diese gewinnen die Energie, die sie für Entwicklung, Wachstum und Vermehrung brauchen, aus dem Abbau organischer Verbindungen, wobei sie CO2 freisetzen. Und obwohl sie mikroskopisch klein sind, schlagen ihre Atmungsprodukte in Summe kräftig zu Buche: Weltweit gelangen jährlich etwa 80 Milliarden Tonnen Kohlenstoff durch die Bodenatmung in die Atmosphäre – eine enorme Menge, verglichen mit den sieben Milliarden Tonnen, die jedes Jahr durch die Verbrennung von fossilen Energieträgern frei werden. Abgestorbene Pflanzenteile werden im Laufe der Jahrtausende von den Mikroorganismen in Humus verwandelt. Vor allem in kühlen Regionen der Erde haben sich riesige Humusdepots in Form von mächtigen Böden ausgebildet. Ob die Mikroorganismen Humus aufbauen oder konsumieren, hängt vor allem von der herrschenden Temperatur ab.

Waldbodenheizung

Doch was passiert, wenn es wärmer wird? Dieser Frage gingen Robert Jandl und Sophie Zechmeister vom Forschungszentrum Wald (BFW) und Andreas Schindlbacher von der Wiener Universität für Bodenkultur in der Praxis nach. In einem Berg-Mischwald in der Nähe des Achensees in Tirol richteten sie eine Bodenheizung ein, wie man sie sonst eher von Fußballfeldern kennt. Damit erhöhten sie die Bodentemperatur ihrer Versuchsflächen drei Jahre lang und maßen, wie viel CO2 die Flächen abgaben.

Bei einem Temperaturanstieg von vier Grad erhöhte sich die Bodenatmung und damit der CO2-Ausstoß auf den Versuchsflächen um fast 40 Prozent. Das ist insofern besonders bedenklich, als der Wald bisher eher als Hoffnungsträger in der Klima-Misere betrachtet wurde, weil er große Mengen an CO2 aufnimmt und in der pflanzlichen Biomasse bindet. Eine Zunahme der Bodenatmung würde im Waldboden gespeicherten Kohlenstoff freisetzen und könnte die CO2-Senken-Funktion des Waldes deutlich abschwächen. Es ist allerdings auch denkbar, dass es sich bei dem starken Anstieg der Bodenatmung um einen Anfangseffekt handelt, der sich bei längerer Laufzeit wieder auf ein niedrigeres Maß einpendelt: "Es könnte sein wie bei einem Buffet", führt Sophie Zechmeister aus, "die besonders guten Häppchen wie die Lachsbrötchen sind blitzartig weg. Wenn es dann nur noch Liptauerbrote gibt, verlangsamt sich der Konsum."

Ob die Mikroorganismen nur vom Heißhunger auf besonders gute Substanzen getrieben sind oder ob es sich um eine dauerhafte Entwicklung handelt, soll in den nächsten Jahren geklärt werden, in denen das Projekt vom FWF finanziert wird. (strn/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.7. 2007)

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