Kritik an Substitutionsverordnung

11. Juli 2007, 09:36
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Nach neuer Verordnung angeblich großer Rückgang bei Drogenbehandlung - Versorgungsengpässe seien die Folge - Anstieg der Anzahl der Toten befürchtet

Innsbruck - Zwischen 30 und 40 Prozent der substituierenden Ärzte haben österreichweit seit In-Kraft-Treten der neuen Substitutionsverordnung das Handtuch geworfen. Dies sagte Karl Nemec, Delegierter der Tiroler Ärztekammer, auf einer Pressekonferenz in Innsbruck. Betroffenen könne nicht mehr so gut geholfen werden wie zuvor. Ein Anstieg der Todesopfer stehe bevor.

Neue Verordnung kontraproduktiv

Ziel der Drogensubstitutionstherapie soll in erster Linie sein, möglichst viele Menschen zu einer Therapie zu bewegen. Die neue Verordnung, die seit 1. März gilt, sei in dieser Hinsicht kontraproduktiv, erklärte Christian Haring, Vorsitzender der Sektion Sucht in der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Mittlerweile finde sich etwa in drei der neun Tiroler Bezirke kein Arzt mehr, der Substitutionstherapie anbiete.

Wenn ein Patient für ein Rezept von Reutte nach Innsbruck fahren müsse, erhöhe dies die Schwelle, mit einer Therapie anzufangen. Dies bedeute, dass der Betroffene am Schwarzmarkt bleibe, wo er einem ungleich höheren gesundheitlichen Risiko ausgesetzt sei. Hinter der Verordnung stehe eine politische Idee. "Dieser Verordnung liegt der 'Law and Order-Gedanke' und ein populistisches Sicherheitsversprechen zu Grunde," sagte Nemec.

Schwarzmarkthandel werde nicht eingedämmt

Dem Argument, dass die Verordnung den Schwarzmarkthandel mit Substitutionsmedikamenten eindämme, konnte Nemec nichts abgewinnen. Der Anteil der Medikamente, der am Schwarzmarkt lande, sei ein "Lärcherl" und entspreche "lediglich einer minimal schlechten Erscheinung am Rande". Es gebe keine handfesten Zahlen, die dieses Problem dokumentieren würden.

Bürokratischer Mehraufwand

Die neue Verordnung schreibe den Ärzten vor, welche Patienten sie behandeln dürfen, wie alt sie sein dürfen und mit welchen Medikamenten sie behandelt werden müssen. Sie beinhalte außerdem eine umfassende Meldepflicht an das Gesundheitsministerium. Dies habe zu einem beträchtlichen bürokratischen Mehraufwand geführt. Außerdem werde man dazu angehalten, die ärztliche Schweigepflicht aufzugeben, kritisierte Nemec. Substituierende Ärzte hätten außerdem die Pflicht, sich im Internet zu "outen".

Eine Sucht sei eine chronische Erkrankung der Kontrollmöglichkeit der Menschen. Dies sei mit politischer Kontrolle nicht behandelbar. Die vorhandenen Standards würden durch die Verordnung massiv behindert, sagte Haring. Österreichweit befänden sich 25 Prozent der Suchtgiftkranken in einer Substitutionstherapie. In Tirol seien zwischen 1.000 und 1.500 Patienten in Behandlung. (APA)

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