"Radio Maryja"-Chef soll First Lady als Hexe bezeichnet haben

10. Juli 2007, 18:02
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Direktor des national-katholischen Senders laut Magazin "Wprost": Präsident Lech Kaczynski "der jüdischen Lobby ergeben"

Warschau - Ein Vortrag des umstrittenen Direktors des national-katholischen Senders "Radio Maryja" hat in Polen für Entsetzen in konservativen und katholischen Kreisen gesorgt. Redemptoristen-Pater Tadeusz Rydzyk soll darin die Familie von Staatspräsident Lech Kaczynski grob beleidigt haben. Rydzyk soll gesagt haben, das Staatsoberhaupt sei "der jüdischen Lobby ergeben"; dessen Gattin Maria Kaczynska nannte er laut dem Nachrichtenmagazin "Wprost" eine "Hexe".

"Wprost" zitierte in seiner Montag-Ausgabe aus dem Tonbandmitschnitt einer Rede, die Rydzyk im April vor Studenten der von ihm gegründeten "Höheren Schule für Gesellschafts- und Medienkultur" gehalten haben soll. Der Pater soll die First Lady als "Hexe" bezeichnet und ihr geraten haben, sich "als erste der Euthanasie auszuliefern". Damit spielte Rydzyk auf das Engagement Kaczynskas gegen eine weitere Verschärfung des Abtreibungsgesetzes an.

Vorwürfe gegen Medien

Präsident Lech Kaczynski habe ihn betrogen und sei "der jüdischen Lobby ergeben", soll der Leiter von "Radio Maryja" weiter gesagt haben. Mit antisemitischen Tönen soll sich Rydzyk auch über die polnische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" geäußert haben. Deren Recherche-Stil offenbare eine "talmudische Mentalität".

Unter den Kirchenvertretern sprach nur der frühere Rektor der Päpstlichen Theologischen Akademie in Krakau, Bischof Tadeusz Pieronek, von einem "unerhörten Vorgang", andere lehnten einen Kommentar ab. Vize-Ministerpräsident Przemyslaw Gosiewski kann die Vorwürfe gegen Rydzyk "nicht recht glauben", wie er am Montag auf einer Pressekonferenz sagte. Rydzyk selbst sprach bereits am Sonntag auf "Radio Maryja" von einer "Provokation": "Ich habe nie die Intention gehabt, den Präsidenten oder seine Gattin zu beleidigen und habe dies auch nie getan."

Journalist: Tonband ist "zu hundert Prozent authentisch"

Der Autor des "Wprost"-Artikels, Marcin Dzierzanowski, bekräftigte dagegen in einem Fernsehinterview, der Tonband-Mitschnitt des Vortrags sei "zu hundert Prozent authentisch". Noch ist unklar, ob die zuständige Staatsanwaltschaft im nordpolnischen Torun Ermittlungen gegen Rydzyk aufnimmt.

Rydzyks "Radio Maryja", dem immer wieder Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit vorgeworfen wurde, unterstützte die rechtskonservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), aus deren Reihen auch der Staatspräsident entstammt, bei den Parlaments- und Präsidentenwahlen 2005. Heuer kühlte das Verhältnis zur PiS rund um die Debatte über ein Abtreibungsverbot in der Verfassung ab.

Präsident fordert Entschuldigung

Die rechtskonservative polnische Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) äußert sich weiterhin nur zurückhaltend zu den Beleidigungen. Das Staatsoberhaupt, das aus der PiS stammt, äußerte sich am Dienstag zwar zu den Verbalangriffen, relativierte die Aussagen aber gleichzeitig.

"Wenn die Informationen stimmen, werden sie zum Gegenstand einer scharfen Kritik und Pater Rydzyk muss sich entschuldigen", verlangte Kaczynski gegenüber der Nachrichtenagentur PAP. Gleichzeitig suggerierte er aber, dass dem Fall in der Öffentlichkeit zu viel Bedeutung beigemessen werde. Er verwies darauf, dass der Obdachlose Hubert H., über dessen Präsidenten-Beleidigungsprozess breit berichtet wurde, von der Presse "zu einem Helden gemacht" worden sei.

"Sache herunterspielen"

Kommentatoren erklären die Zurückhaltung damit, dass die PiS die national-katholischen Hörerklientel Rydzyks als potenzielle Wähler nicht vergraulen möchte. "Wir werden die Sache herunterspielen, bis sie in Vergessenheit geraten ist", zitiert die Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" in ihrer Dienstagsausgabe einen namentlich nicht genannten "wichtigen Politiker" der PiS. Das Bündnis mit der Radiostation sei für die PiS von strategischer Bedeutung, unabhängig von den Äußerungen Rydzyks, so der Politiker weiter.

Was den Umgang mit dem national-katholischen "Radio Maryja" betrifft, besteht offenbar Uneinigkeit zwischen dem Präsidenten und seinem Zwillingsbruder, dem Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski. Während "Wprost" am Sonntag schon Informationen über die beleidigende Rede brachte, trat der Regierungschef noch bei einer Groß-Veranstaltung des Radiosenders in Czestochowa (Tschenstochau) auf.

Während sich die PiS zurückhielt, sorgten die beleidigenden Aussagen in den ihr nahe stehenden katholischen Kreisen allerdings für Entsetzen. "Die Haltung von Pater Rydzyk widerspricht dem Evangelium", sagte etwa der Erzbischof von Lublin, Jozef Zycinski. Selbst der Redemptoristenorden, der sich bei allen Auseinandersetzungen hinter den umstrittenen Rydzyk stellte, kündigte eine "profunde Analyse der entstandenen Situation" an. (APA)

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