Bewegung, die krank macht

26. Juli 2007, 17:11
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Es gibt Menschen, denen bereits bei kurzen Autofahrten schlecht wird. Die Bewegungs­krankheit kann das Reisen zur Qual machen. Vitamin C soll helfen.

Am häufigsten leiden Kinder und Frauen unter der Bewegungskrankheit, die eigentlich keine Krankheit ist. Im Gegenteil, das Gleichgewichtsorgan der Betroffenen funktioniert ausgezeichnet. Trotzdem wird ihnen übel und schwindlig sobald sie sich im Auto, Flieger, Schiff oder in der Achterbahn befinden. Säuglinge und alte Menschen haben es leichter. Bei der Geburt ist das Gleichgewichtsorgan nicht vollständig ausgebildet, bei den über 50-jährigen beginnt es bereits zu degenerieren.

Konflikt der Sinne

Bewegt sich der Mensch gehend fort, sind seine Sinne im Einklang. Ganz anders sieht die Sache aus, wenn man im Auto sitzt. Das Gehirn bekommt widersprüchliche Informationen von Muskeln, Augen und Gleichgewichtsorganen. Obwohl sitzend, registrieren die Augen Fortbewegung und die Gleichgewichtsorgane melden zusätzlich Beschleunigung und Kurven. Nicht jeder Mensch ist diesem Durcheinander an Eindrücken gewachsen. Das vegetative Nervensystem kann darauf heftig reagieren. Das ist mitunter nicht nur unangenehm sondern auch gefährlich, denn durch massives Erbrechen kann es zu einem bedrohlichen Flüssigkeitsverlust kommen.

Weniger Histamin mit Vitamin-C

Reinhart Jarisch, Leiter des Floridsdorfer Allergiezentrums hält Histamin für die primäre Ursache der Reisekrankheit: "Ich empfehle Seglern eine histaminfreie Diät, denn sonst ist von vorne herein zu erwarten, dass ihnen auf See schlecht wird." Die toxische Wirkung der Histamine ist nicht unbekannt. Sie erzeugen unter anderem Atemnot, Schwindelgefühle und Hautrötungen. Die meisten Menschen verspüren diese Symptome allerdings nie, da Enzyme (DAO = Diaminoxidasen) in der Darmschleimhaut Histamin neutralisieren, bevor es die Darmwand durchdringt. Ein Prozent der Bevölkerung besitzen zuwenig von diesen Proteinstrukturen. Sie leiden an der sogenannten Histaminintoleranz und sollten Wein oder Hartkäse meiden, wenn sie auf Kopfschmerzen und Hautsymptome verzichten wollen.

Ursache Histamin

Nicht nur das Essen kann den Seefahrern Probleme bereiten. Generell führt jede Form von Bewegung zur Freisetzung von Histamin im Gleichgewichtsorgan. Jarisch fand nach intensiven Recherchen heraus, dass Ratten unter Beschleunigung nicht mehr seekrank werden, wenn man ihre Histaminproduktion blockiert. Die Erkenntnis ist nicht neu, und betrachtet man die Liste an möglichen Medikamenten zur Behandlung der Reisekrankheit, so sieht man, dass Antihistaminika tatsächlich an oberster Stelle stehen.

Neue Erkenntnis

Den Zusammenhang mit Vitamin C hat bis dato allerdings niemand erkannt. "Es besteht eine inverse Relation zwischen Vitamin C und Histamin", berichtet Jarisch, der in einem Versuch mit Menschen, die an einem krankhaft hohen Histamin-Gehalt (Mastozytose) litten, herausfand, dass hohe Vitamin-C-Spiegel zu einer deutlichen Absenkung der Histaminkonzentration führen.

Im Herbst will der Allergieexperte in einer placebokontrollierten Studie mit der deutschen Marine beweisen, dass Vitamin C bei der Behandlung der Seekrankheit hilft. Er empfiehlt Vitamin C in Form von Kautabletten auf die Reise mitzunehmen: "Kautabletten wirken sehr rasch, da sie über die Mundschleimhaut schnell in die Blutbahn gelangen."

Was hilft

Pamela Rendi-Wagner, Fachärztin für Spezifische Prophylaxe und Tropenhygiene am Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien hält die Vitamin-C Theorie für plausibel und erhofft sich, dass Jarisch den notwendigen Beweis tatsächlich erbringen kann, denn Patentrezept gegen die Reisekrankheit hat auch sie keines anzubieten.

Die Auswahl an angebotenen Medikamenten ist zwar groß, aber sie sind zum einen alle von einer mehr oder weniger ausgeprägten Müdigkeit begleitet und außerdem für Kleinkinder ungeeignet. Wer also Antihistaminika, Anticholinergika oder Neuroleptika nicht unbedingt schlucken will, dem bleiben Alternativen wie Ingwer, Akupunktur oder Akupressur. Die Wirksamkeit dieser nicht-medikamentösen Ansätze hält die Reisemedizinerin Rendi-Wagner allerdings für eher bescheiden und wissenschaftlich unbewiesen. "Am besten man positioniert sich im stabilsten Teil des Fahrzeuges", empfiehlt die Expertin und hofft damit zumindest leichte Formen von Kinetosen vorbeugend zu vermeiden.

Schwindlig im Kino

Ungeklärt in der Entstehung der Kinetosen ist nach wie vor inwieweit auch Erwartungshaltungen und Konditionierungen eine Rolle spielen. Denn bei manchen Menschen löst schon der bloße Geruch im Auto Schwindelgefühle aus. Entsteht der Bewegungsschwindel im 3-D-Kino oder im Flugsimulator, sprechen Experten von Pseudokinetosen. (derStandard.at, Regina Philipp)

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    Für Menschen, die von der Reisekrankheit betroffen sind, werden Transportmittel wie Schiff oder Flugzeug in den Urlaub zur Qual

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