Sprachlos in der Neuen Welt

9. Juli 2007, 18:57
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Der Sizilianer Emanuele Crialese erzählt in seinem Spielfilm "Golden Door" von den Geschicken seiner Landsleute, die um 1900 nach Amerika aufbrachen

Diese entfalten sich weniger in Worten als in viel sagenden Bildern und surrealer Poesie.

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Wien - Steine, Wasser, vitales Leben - mit solchen wiederkehrenden Bildmotiven entfaltet Emanuele Crialese magische Kraft, auch wenn er in drei Filmen drei gegensätzliche Welten inszenierte. Häuser, Wasser, einander fremde Menschen in New York faszinierten ihn in seinem Debüt Once we were strangers (1999), ähnlich bildmächtig die Meer- und Felsenlandschaft der Insel Lampedusa im gleichnamigen zweiten Film (2001).

Im dritten, Golden Door (der im Original viel schöner Nuovomondo heißt), zeigt Crialese sizilianische Bauern um die Wende zum 20. Jahrhundert, die mit nackten Füßen einen Gipfel über dem Meer erklimmen, dabei Steine im Mund tragen, die sie unter dem Gipfelkreuz ablegen, um so ein Himmelszeichen zu erbitten.

Sollen sie in die Neue Welt auswandern oder nicht? Dieser dritte Film blendet drei Generationen zurück, um nach den Metamorphosen zu fragen, die bäuerliche Auswanderer einst auf dem Weg ins technisch, logistisch, hygienisch und bevölkerungspolitisch durchrationalisierte Amerika durchmachten.

Verbindungslinien

Der Sizilianer Crialese lebte selbst neun Jahre in New York, studierte Film und lernte dort seinen bevorzugten Akteur Vincenzo Amato kennen, einen Bildhauer und begnadeten Schauspieldilettanten. In seinen Filmen untersucht er, was Fremdheit auslöst, was Italianità bedeutet, welche untergründigen Verbindungen zwischen Alter und Neuer Welt bestehen.

Der Sound der Naturgewalten, die Klänge der technischen Welt des Auswandererschiffs, sizilianische Musik und Nina Simones swingende Songs entfalten die Spannungen und Kontraste mit surrealer Poesie anstelle jener redelustigen, kammerspielartigen Drehbuchlogik, die das Genre der Dampfer- und Schiffspassagenfilme einst prägte.

Martin Scorsese etwa sieht Gewalt als ein patriarchales Erbe Siziliens in New York an, während Crialese den Zusammenstoß archaischer Kultur mit der Moderne in subtileren, auch komischen Facetten beschreibt. Seine Blicke in die getrennte Welt der Männer und Frauen sind zärtlich, behutsam, geben Raum für den sprachlosen Ausdruck des inneren Schocks.

Dass Junggesellen bei der Einwanderung in einem Massenritual formell um eine Frau werben konnten und den Single-Immigrantinnen nur blieb, den Antrag anzunehmen, wenn sie nicht zurückgeschickt werden wollten, ist eines von vielen Details der Einwanderungsprozedur, deren Grausamkeit der Film offenbart, aber auch zu überraschend listigen Volten nutzt. Allein die Szenen, in denen die Prüfungskommission die Intelligenz der Probanden mittels der Kombination klobiger Puzzleteile testet, nutzt der Film für präzise, quasi stumm entfaltete Miniaturen seiner Charaktere:

Am Ende wird die Mutter, die in dem abstrakten Spiel keinen Sinn sieht und sich auch in anderen Prüfungen stolz gegen die Unterwerfung unter die Regeln der neuen Welt wehrt, in ihre Heimat zurückkehren. Ihr stummer Enkel - ein Bruder im Geiste von Harpo Marx - wird sich jedoch plötzlich artikulieren, als sei Amerika seine Chance fürs Erwachsenwerden.

Vieles bleibt unausgesprochen in den drei episodenhaften Schritten der Reise. Die Hauptfigur (Amato), ein reiner Tor, der mit Söhnen, Mutter und zwei Nachbarmädchen aufbricht, sucht jenseits des Atlantiks seine einst fortgezogene Frau. Von ihr ist jedoch nicht mehr die Rede, nachdem er sich auf der Überfahrt in eine allein reisende wortkarge Engländerin (Charlotte Gainsbourg) verliebt.

Auch die Annäherung des ungleichen Paares geschieht in einer lyrisch choreografierten Szene, in der beide mit großem Abstand zueinander zwischen monströsen Lüftungsschächten an Deck spazieren und im Rhythmus der Musik die Blicke des anderen auf sich zu ziehen versuchen ... (Claudia Lenssen, DER STANDARD/Printausgabe, 10.07.2007)

Ab Freitag im Kino
  • Neubeginn in den USA: Charlotte Gainsbourg (M.) im Drama "Golden Door".
    foto: filmladen

    Neubeginn in den USA: Charlotte Gainsbourg (M.) im Drama "Golden Door".

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