Im Spiegel eines Draufgängers

31. Juli 2007, 18:53
posten

Mit Meg Stuart, Sidi Larbi Cherkaoui, Édouard Lock und Jonathan Burrows zählt Wim Vandekeybus zu den großen Namen bei ImPulsTanz 07 (Start: 12. Juli)

In "Spiegel" reflektiert er 20 Jahre seines Schaffens.

* * *


Das ist weder eine Retrospektive noch ein schlichtes "Best of": Mit seiner jüngsten Choreografie Spiegel hält der belgische Spitzenkünstler im Gegenwartstanz Wim Vandekeybus seinem staunenden Publikum vor Augen, was den weltweiten Ruhm seiner Company Ultima Vez ausmacht.

In dieser Arbeit zitiert der belgische Choreograf sich selbst, führt seine Arbeit vor, unterstreicht, was von Anfang an wichtig war. Sein Spiegel ist dabei keine glatte Fläche, sondern ein Mosaik aus Bruchstücken, das sich zu einem atemberaubenden Ganzen zusammenfügt.

Tanzende Desperados

Dabei werden Ausschnitte aus seinen Werken, die heute zu den Klassikern der jüngeren Tanzgeschichte zählen – wie What The Body Does Not Remember (1987), Immer das Selbe gelogen (1991) oder In Spite of Wishing and Wanting (1999) – in einer neuen Komposition dramaturgisch auf die Probe gestellt. Und das Ergebnis hält, was die Vorgeschichte des Künstlers verspricht.

In amerikanischen Tanzkreisen wurden Wim Vandekeybus’ frühe, hoch einflussreiche Stücke aus den 80er-Jahren ironisch – und wohl auch etwas neidvoll – als "Eurocrash" gebrandmarkt. Virtuosität, wie Vandekeybus sie versteht, dient allerdings nicht einfach dem Vorführen technischen Könnens, sondern einer Radikalisierung der Reflexion über den Körper.

Die Tänzerinnen wirken wie Stuntgirls, die Tänzer wie aus Actionfilmen entsprungene Desperados. Sie erzählen Geschichten von verzweifelten und lustvollen Versuchen, über die Grenzen des Erzählbaren hinauszuspringen, vom Wagnis und vom Gewinnen, vom Verlieren und von der Absurdität des Lebens.

Nach aufregenden und berührenden neunzig Minuten steht fest, dass Vandekeybus hier einen durchaus ketzerischen Vorschlag macht: dass die Einzelwerke eines Künstlers dekonstruierbar sind, die dabei isolierten Teile ausgetauscht und nach verschiedenen Prinzipien neu zusammengebaut werden können.

Und dass diese Eigenschaft kein Armutszeichen, sondern ein Qualitätsmerkmal der ursprünglichen Werke darstellt. Dass es also kein sakrosanktes Original geben muss. Unter den europäischen Choreografen ist dieser kein schlafloser Alchemist wie sein Landsmann Jan Fabre, kein somnambuler Apokalyptiker von der Art einer Meg Stuart und kein konzeptueller Künstler wie Jérôme Bel.

Eine Filmnacht

Vandekeybus ist seit jeher ein Draufgänger, wie ein Kinoheld. Allerdings einer, der selbst eine Leidenschaft für das Filmen hat. Daher zeigt ImPulsTanz auch eine Auswahl aus dem kinematografischen Schaffen des Künstlers. Unter dem Titel The Wim Reel gibt es eine Filmnacht zu erleben, in der der Choreograf höchstpersönlich durch seine Lichtbild-Tänze führt. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 10.07.2007)

>> "Spiegel" im Volkstheater, 18. – 20. 7., 21.00; "The Wim Reel", Kasino am Schwarzenbergplatz, 19. 7., 22.30
  • Tänzerinnen als Stuntgirls in einem ruhigen Moment in dem hochdynamischen Stück "Spiegel" von Wim Vandekeybus.
    foto: stoop

    Tänzerinnen als Stuntgirls in einem ruhigen Moment in dem hochdynamischen Stück "Spiegel" von Wim Vandekeybus.

Share if you care.